Auf den Spuren des Rendsburger Frachtenseglers Hans Johann und seiner Besatzung

Seefahrtsbücher, Zigarrenkisten voller vergilbter Fotos, Lieferpapiere, Ansichtskarten aus Hafenstädten und verwitterte Seemannsstiefel – zufällig stieß Britta Nicolai-Kolb auf diese maritimen Erinnerungsstücke auf einem Westerrönfelder Dachboden. Die Funde inspirierten sie zu einem Buch. „Küstenschifffahrt in Norddeutschland 1926-1945“ lautet der sperrige Titel. Doch der Untertitel verrät genauer, worum es geht: Um den Rendsburger Frachtensegler „Hans Johann“, seinen Kapitän und seine Besatzung

Und genau dieser Blickwinkel macht das Buch zu einem spannenden und lesenwerten Zeugnis fast vergessener Geschichte der Kanalregion, ja schleswig-holsteinischer Historie.

Britta Nicolai-Kolb.

Als roter Faden dient der Werdegang von Schiffseigner und Kapitän Johann Friedrich Kolb, der 1892 in Breiholz/Lohklint an der Eider als Spross einer alteingesessenen Schifferfamilie geboren wurde. „Schiffer mitten im Binnenland?“ fragen viele. Ja, sagt Britta Nicolai-Kolb. Aber das Wissen darum sei innerhalb nur einer Generation in Vergessen geraten: In diesem Ort gab es einst zahlreichen Kapitäne. Genauso wie es an der Eider bzw. am Nord-Ostsee-Kanal einst (kleine) Werften gab. Und „Rendsburg war ein Zentrum der norddeutschen Küstenschifffahrt.“

Nutzlos geworden, aber zum Wegwerfen viel zu schade.

Britta Nicolai-Kolb, Nachfahrin und Autorin über ihren Dachbodenfund

Es ist ein sehr persönliches Buch entstanden. Denn: Der Eigner der „Hans Johann“ war der Großvater von Britta Nicolai-Kolbs Mann. Dessen Vater, Johann Kolb Junior, hatte zu Beginn der 30er Jahre bereits eine Fotokamera – und hinterließ daher eine „einzigartige Fotosammlung“, die nun das Buch bereichert. Da gibt es ein Foto, das zeigt, dass bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts kleine Frachtschiffe den Rendsburger Obereiderhafen um Überwintern nutzen, weil Eisgang die Schifffahrt behinderte. Es gibt Bilder der Ostseehäfen, die das Schiff anlief, genauso wie vom Alltagsleben an Bord.

Auch ein Zeitzeuge half Britta Nicolai-Kolb

Der ehemalige Matrose Johannes Thiessen aus Ahrenviöl, heute weit über 80 Jahre alt, trug mit seinem „detaillierten Erinnerungsvermögen“ (so die Autorin) dazu bei, dieses Kapitel Rendsburger Schifffahrtsgeschichte wieder lebendig werden zu lassen. Ein abgeschlossenes Kapitel. Lieferten  Anfang des 20. Jahrhunderts noch Segelschiffe die Waren aus, vollzog sich in den 30-er Jahren der Wandel zur Motorschifffahrt. 1927 wurde dem Frachtensegler „Hans Johann“ ein 75-PS-starker Zweitakter eingebaut. In den 70-er und 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Kümos dann von den Containerschiffen abgelöst. Damit wurden auch die Schiffe im Obereiderhafen selten. 

Das Besondere dieser Küstensegler oder Motorschiffe: „Sie gehörten den Kapitänen“, erläutert Britta Nicolai-Kolb und nicht einer Reederei. „Es waren auch Frauen und Kinder an Bord willkommen“, so die Autorin, „anders als auf großer Fahrt.“ Vielfach lebten die Ehefrauen mit an Bord, die Kinder wohnten bei den Großeltern. Während der Schulferien fuhren sie dann mit zur See und lernten viele europäische Hafenstädte kennen. So auch Johann Kolb Junior. Dessen Sohn Johann, der Mann von Britta Nicolai-Kolb, ist der erste Spross der Schifferfamilie, der nicht zur See fährt. Aber auf seinem Dachboden lagerten die vielen Erinnerungsstücke, die das Buch zu einem lebedingen Zeugnis des Kapitels der Küstenschifffahrt machen.

Ermöglicht wurde die Publikation durch die Rendsburger Gesellschaft für Stadt- und Kreisgeschichte, die auch bei der Gestaltung half, und in deren Schriftenreihe der Band erschienen ist.

Britta Nicolai-Kolb, „Küstenschifffahrt in Norddeutschland 1926 – 1945“

231 Seiten, 19.95 Euro, HusumDruck, VÖ 30. November 2012

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