Nonnenfürze, Thamsen und der Weihnachtsbaum

Wann beginnt die Weihnachtszeit? Für den Handel, wenn die ersten Lebkuchen und Spekulatius in den Supermärkten auftauchen. Das ist bereits Anfang September. Für andere ist der erste Advent der Beginn der „besinnlichen Tag“, die oftmals gar nicht mehr ruhig sind. Genaugenommen markiert jedoch der 11. November (Martini) den Start des tradierten Festzyklus’, der bis Mariä Lichtmess (2. Februar) dauert. Daran orientiert sich Jutta Kürtz in ihrem Buch „Weihnachten in Norddeutschland“. 

Die Autorin ist eine ausgewiesene Expertin norddeutschen Brauchtums. Manches von dem, das sie zusammen getragen hat, ist allgemein bekannt – zum Beispiel das der Adventskranz von dem Theologen Johann Hinrich Wichern in Hamburg sozusagen erfunden wurde. In Vergessenheit geraten ist dagegen der Andreastag (30. November). Er war ein Orakeltag, an dem junge Mädchen ihren linken Pantoffel rückwärts über die Schulter warfen. Lag er mit der Spitze in Richtung Tür, hieß das: Hochzeit und damit das Verlassen des elterlichen Hauses.

Aber was ist das „Thamsen“? „Das weiß jedes Kind auf der Insel Föhr“, erklärt die Autorin – aber dennoch nicht jeder Norddeutsche. Am Thomastag (21. Dezember) darf sich auf der Frieseninsel nichts drehen – keine Kinderkarre, früher kein Spinnrad, denn sonst wird es verschleppt. Hier vermischen sich Aberglaube mit christlichem Glauben. Der 21. Dezember ist nach dem ungläubigen Apostel Thomas benannt, es geht aber um die Zeitenwende. Bevor der Tag in den christlichen Ritus aufgenommen wurde, wurde die Wintersonnenwende schon gefeiert und man glaubte, dass in dieser Nacht von den Göttern „alle Räder zum Stillstand“ gebracht würden.

All diese Beispiele zeigen: Es vermischen sich uralte heidnische Traditionen mit christlichem Gedankengut 

Inzwischen gilt Weihnachten vielen als das christlichste aller Feste. Im Norden backt man dann Förtchen, die auch als Furtjens oder Poffertjes bekannt sind. Der in Fettpfannen gebackene Teig stammt aus den Klöstern und so wundert es nicht, dass der Name sich von „Nonnenfürzchen“ ableitet. Im Norden und dänischen Grenzland, so erklärt Jutta Kürtz, wurden (und werden) Apfelstücke mit eingebacken und die Bällchen darum auch „Appelkoken“ genannt. Vor allem zu Silvester wurden (und werden) sie serviert – heute allerdings wohl weniger, weil man glaubt, „dass viel Fettes ein gutes neues Jahr bringt“.

Ein Förtchen-Rezept fehlt natürlich nicht. Neben weiteren Rezepten sind auch einige Liedtexte enthalten – aber darauf liegt nicht das Hauptaugenmerk, schließlich gibt es dafür extra Bücher. Wen die Bräuche und ihre Entstehung interessieren, findet hier ein fundiertes Nachschlagwerk und Lesebuch. 

Jutta Kürtz, „Weihnachten in Norddeutschland“, Weihnachten in Norddeutschland

224 Seiten, 14.95 Euro, Ellert und Richter Verlag, 2. Nov. 2013 (2. Auflage) 

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