Anja Marschall: Tod am Nord-Ostsee-Kanal ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Packende Kanal- und Kriminalgeschichte

Brunsbüttel 1894: Als sich ein tödlicher Unfall auf der Baustelle des Nord-Ostsee-Kanals ereignet, wird Kriminalinspektor Hauke Sötje an die Elbe geschickt, um den Vorfall zu untersuchen. War es ein Unfall oder gar Sabotage am prestigeträchtigsten Bauprojekt der Welt, das schon bald von Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich eröffnet werden soll? Ein Attentäter und die hübsche Tochter des Unternehmers Jennings verwickeln Sötje in einen Fall, der nicht nur das Leben Wilhelms II., sondern das gesamte junge Kaiserreich bedroht. (Verlagsinfo)

Der Bau des Nord-Ostsee-Kanals war ein damals europaweit beachtetes Projekt. Und es war Knochenarbeit. Mehrere tausend Arbeiter sorgten mit ihrer Muskelkraft dafür, dass quer durch Schleswig-Holstein eine künstliche Wasserstraße geschaffen wurde. 

„Für Jennings arbeiteten in diesen nassen Herbstmonaten des Jahres 1894 über tausend Männer. Sie kamen aus Dithmarschen und Thüringen, Bayern und Italien. Karl glaubt, auch Schwaben und Franzosen ausgemacht zu haben. (Aus dem Buch)

Manche Unternehmer verdienten gut daran. Doch Unfälle waren an der Tagesordnung und etliche Arbeiter ließen auf der Jahrhundert-Baustelle ihr Leben.

„Seit Montag voriger Woche wird ein an den neuen Schleusen beschäftigt und in der Arbeiterbaracke hierselbst wohnhaft gewesener zwanzigjähriger Kanalarbeiter vermisst.“ (Notiz aus der Kanalzeitung im Jahre 1894)

Möglicherweise war es diese Notiz, die Anja Marschall zu ihrem Roman inspirierte (und die wie andere Originalzitate aus Zeitungen der damaligen Zeit den Kapiteln vorangestellt ist). Denn: „Da ein Hut in der Schleuse auf dem Wasser treibend gefunden wurde, wird angenommen, dass der Vermisste dort verunglückt ist“, heißt es in der Meldung weiter.

Mit einer ähnlichen Szene beginnt „Tod am Nord-Ostsee-Kanal“, der sich zwar Krimi nennt, aber mehr ein ausgesprochen gutes historisches Sittengemälde ist. Die Autorin hat sehr gut recherchiert und versteht es, die damalige Zeit lebendig werden zu lassen. Detailliert, aber niemals langweilig beschreibt Anja Marschall die damaligen Verhältnisse – von Orten bis hin zu Gepflogenheiten.

Die Kriminalpolizei im Kaiserreich hatte man vor Jahren nach englischem Vorbild erstmals in Berlin eingerichtet, um dem immer besser organisierten Verbrechen begegnen zu können. In gleicher Weise wurde vor Kurzem nun auch in Kiel eine Kriminalpolizei eingerichtet. 

Ihre Hauptfigur ist Hauke Sötje, ein ehemaliger Kapitän, der schwer an einem Vorfall der Vergangenheit trägt (siehe: „Feuer in der Hafenstadt“).

Jetzt ist Sötje Kriminalhilfssergeant der neugegründeten Kriminalpolizei. Er ist ein fortschrittlicher Mann, der die Daktyloskopie (Analyse von Fingerabdrücken) nutzt und moderne Technik wie Telefonapparate oder „Typenhebelmaschinen.“ Der ehemalige Seemann ist eigenwillig und ein Mann mit Grundsätzen, was ihn ebenso wie sein verschlossenes Wesen bei seinen Vorgesetzten nicht beliebt macht – ihm aber die Sympathien der Leser einbringt. 

Fazit

Den Kapiteln vorangestellt sind Zitate aus der Kanalzeitung oder der Kieler Zeitung aus dem Jahre 1894 verleihen dem Buch eine besondere Authentizität. Zahlreiche Details ermöglichen dem Leser einen guten Blick auf die wilhelminische Zeit. Spannend mit viel Lokalkolorit und historischen Hintergründen. Einfach top. 

„Tod am Nord-Ostsee-Kanal“, Anja Marschall, Hauke Sötjes 2. Fall

256 Seiten, 12 Euro, Emons Verlag, VÖ 22. September 2016

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