Einer der ungewöhnlichsten Heyer-Plots ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

England, 1776. Lord Rule glaubt nicht an die Liebe. Der reiche Lebemann möchte lieber eine moderne Vernunftehe führen. Seine Wahl fällt auf Elizabeth, eine der drei Winwood-Schwestern, deren Familie sehr angesehen, aber verarmt ist. Obwohl die Winwoods das Geld bitter nötig haben, spielt die auserwählte Elizabeth das Spiel nicht mit, denn sie hat sich längst in einen mittellosen Leutnant verliebt. Um das Liebesglück der Schwester zu retten, schlägt die jüngste Schwester Horatia dem Lord ein Geschäft vor: Er kann sie heiraten – dafür verspricht sie ihm, sich nicht in seine Angelegenheiten einzumischen. Aber so einfach kann die Vernunft nicht über die Liebe siegen. (Verlagsinfo)

Selbst ist die Frau

Dies ist wohl einer der ungewöhnlichsten Plots von Georgette Heyer: Horatia Winwood, gerade erst 17 Jahre alt und mit einem kleinen Sprachfehler, arrangiert ihre Ehe selbst. Und das zu einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der das mehr als ungehörig war.

Textpassage aus dem Buch:

Horatia sucht Lord Rule auf
Der Graf saß ihr gegenüber. Während er zerstreut sein Monokel baumeln ließ, war sein höflich aufmerksamer Blick auf ihr Gesicht gerichtet. Plötzlich hing das Glas still an der Schnur.

Horatia warf ihm einen raschen Blick zu, sah sein leicht bestürztes Stirnrunzeln und sprach hastig weiter: „Nun ja, ich weiß, es sollte eigentlich Charlotte sein, denn sie ist die Ältere, aber sie sagte, n-nichts in der Welt könnte sie dazu bringen Sie z-zu heiraten.”

Seine Lippen zuckten. „Ist dem so” sagte er. „Dann muss ich mich wohl glücklich schätzen, weil ich mich nicht um diese Ehre beworben habe.”

Der Begriff des Regency umschreibt eine kurze Epoche (circa 1810 bis 1820) in der Geschichte des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Irland, die durch Umbrüche in der Technik (beginnende Industrie) und Kultur gekennzeichnet ist. In Teilgebieten der Geschichtswissenschaft wird der Zeitraum unterschiedlich abgegrenzt. So lautet die Erklärung von Wikipedia. Das Buch spielt aber definitiv im Barock (und nicht, wie in Amazon beschrieben, im Regency). Diese Epoche begann gegen Ende des 16. Jahrhunderts und reichte bis circa 1770. Der Unterschied lässt sich gut an der Damenmode festmachen. Im Buch trägt Horatio hoch aufgetürmte Frisuren und Schönheitspflästerchen  – beides war im Regency "out".

Lord Rule – reich, gutaussehend – muss heiraten. Mann erwartet es von ihm. Eine der drei Winwood-Schwestern soll es sein. Doch Charlotte, die Älteste, hat einen anderen Mann im Blick. Und da ergreift Horatia die Initiative – wohl wissend, dass ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt ansonsten gering sind. Lord Rule spielt mit. Die beiden heiraten. Was eine Vernunftehe werden sollte, bringt allerlei Aufregungen, Ränkespiele und Duelle mit sich.

Fazit

Eine Geschichte, wie sie wohl nur Georgette Heyer ersinnen kann. Vor allem, da all dies weder unwahrscheindlich, noch überzogen wirkt. Man leidet mit Horatia – und ahnt natürlich auch hier das Ende. Aber bis dahin ist köstliche Unterhaltung garantiert.

Georgette Heyer, „Die Vernunftehe“ (The Convenient Marriage) 

Engl. Erstausgabe 1934

Dt. Erstausgabe 1955

Cover Kindle 2019 und rororo 1962

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.