Hamburg nach dem Krieg oder: Heißbegehrte Nylons ⭐️⭐️⭐️⭐️

Träume aus Seide. Hamburg, 1948: Obwohl es an allem mangelt, ist Paula fest entschlossen, die Schönheit in ihr Leben zurückzuholen – das Trümmergrau soll endlich Farbe weichen. Mit ihrem Gespür für Mode wird Paula die rechte Hand eines Strumpffabrikanten und kämpft gegen alle Hürden der Nachkriegszeit darum, den Frauen ihre heißbegehrten Nylons zu verschaffen. Schon bald erreicht sie viel – und kann dennoch nicht vergessen, dass sie im Krieg ihre große Liebe verloren hat. Dann begegnet sie einem britischen Offizier, doch der scheint nur die Geschäfte ihres Chefs kontrollieren zu wollen. (Verlagsinfo)

Romane aus der Nachkriegszeit mit weiblichen Protagonistinnen haben zur Zeit Hochkonjunktur. In diesem dreht es sich um eine begehrte Ware jener Zeit – die Nylonstrümpfe, kurz Nylons. Obwohl diese Zeit noch gar nicht so lange zurück liegt, ist selbst mir als Jahrgang 1958 davon vielen unbekannt.

Caroline Bernard alias Tania Schlie aus Glückstadt schildert die Lebenssituation im zerstörten Hamburg des Jahres 1948 sehr plastisch und gut nachvollziehbar mit zahlreichen Beispielen. Ein großes Plus des Buches.

Mangelwaren und beengte Wohnverhältnisse

Die Trümmer sind noch nicht beseitigt, in der Hoheluftchaussee kann ein Treppenhaus aus Holzmangel nicht repariert werden. Hier lebt Paula Rolle mit ihrer Mutter und zwei Schwestern – wieder ganz allein, nachdem die eiquartierten Flüchtlinge in einen Zug nach Meldorf gesetzt wurden. Sie hat es besser als die Bewohner der Hamburger Straße in Altona. Diese wird „Wolldeckenallee“ genannt, weil die Bewohner mit aufgehängten Wolldecken in beengten Wohnverhältnissen ein bisschen Privatsphäre schaffen wollten. Es sind diese immer wieder eingestreuten Beschreibungen, die das Buch hochinteressant machen. 

 

„Zudem waren die Frauen die hundertmal geflickten und umgeänderten Sachen leid, wo man die alten Nähte sah und wo die ausgelassenen Säume dunkler waren als der Rest. … Und dieses Aufribbeln alter Pullover, die immer kratzen.“

Aus dem Buch „Fräulein Paula und die Schönheit der Frauen“

Auch nach der Währungsreform ist noch vieles Mangelware, unter anderem Kleidung. Nylonstrümpfe können sich allerdings nur wenige Frauen leisten. Auch Paula muss sich mit Wollstrümpfen begnügen. Die 28-Jährige ist keine stereotype Hauptprotagonistin. Sie ist selbstbewusst, technische Zeichnerin mit Diplom und spricht Englisch. Auf diese Weise ergattert sie einen Job bei dem Strumpffabrikanten Wilhelm Röbcke. Zu dieser Figur hat sich Tanie Schlie von Hans Thierfelder inspirieren lassen – einem Unternehmer mit Mut und Optimismus, der übrigens 1987 auf Sylt gestorben ist. Es war nach dem Krieg nicht einfach, Maschinen zu beschaffen und die Ware zu vertreiben. Hier erweist sich Röbcke als findiger Unternehmer, kreativ unterstützt von Paula. 

Auch mit den Schwestern von Paula hat die Autorin interessante Frauenfiguren geschaffen – vor allem mit Gertrud, die Autos repariert und ungern Kleider trägt. Sie geht einen ungewöhnlichen Weg, über den ich an dieser Stelle nichts sagen werde, das wäre ein Spoiler. 

Fazit

Sympathische Figuren, interessante, historisch belegte Details sowie ein angenehmer Erzählton sorgen für gute Unterhaltung, die zugleich unaufgeregt geschichtliches Wissen vermittelt.

„Fräulein Paula und die Schönheit der Frauen“, Caroline Bernard

 400 Seiten, 12.99 Euro, Aufbau Taschenbuch, VÖ 18. August 2020

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