Liebe und Lebensbedingungen in Hamburg um 1880 ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Lily Karsten ist Tochter einer der erfolgreichsten Reederfamilien Hamburgs. Sie lebt in einer Villa an der Bellevue und träumt von der Schriftstellerei. Jo Bolten lebte als Kind im Elend des Altstädter Gängeviertels und arbeitet im Hafen für Ludwig Oolkert, den mächtigsten Kaufmann der Stadt. Lily und Jo kommen sich näher. Doch eine Verbindung zwischen ihnen ist undenkbar. (Verlagsinfo)

Hamburg im Jahre 1886. Eine Welt, in der es Wenigen sehr gut geht, aber vielen sehr schlecht. Der Hamburger Hafen beschert den Menschen Arbeit und Reichtum. „Das Gewirr aus den Fahnenmasten der Großsegler schien wie ein undurchdringliches Spinnennetz den Himmel zu verdunkeln. Die dampfbetriebenen Kräne verrichteten dröhnend ihre Arbeit, Schauerleute, Kai- und Speicherarbeiter, die hier Tag und Nacht schufteten, verluden lärmend die Waren auf Ewer und Schuten. Täglich kamen Handelsgüter aus der ganzen Welt in Hamburg an; Zucker, Wolle, Tabak, Maschinen, Kaffee und Tee. Der Geräuschpegel war enorm.“

Es ist eine harte und ungerechte Welt. Es gibt keine Versicherung für Arbeiter. Fällt der Ernährer aus, bedeutet es Hunger und Betteln für die Familie.

„Mein Mann ist als Krüppel von deinem Schiff runtergekommen. Sieben Kinder und kein Vater. Wir werden alle im Elend verrecken. Zehn Jahre hat er für die Reederei gearbeitet, und dann wird er davongejagt wie ein räudiger Hund!“

Anklage einer Frau an Reeder Karstens

Lily wächst behütet auf. Doch sie ist wissbegierig und gerät in das Spannungsfeld der Klassen durch ihre Bekanntschaft zu dem Hafenarbeiter Jo Bolten. Dieser führt sie und die Leser in das berüchtigte Gängeviertel. Auf diese Weise werden die weit auseinanderklaffenden Lebenswelten auf sehr lebendige Art und Weise deutlich. 

„Ich weiß nicht aus erster Hand, wie es sich anfühlt, ausgebeutet zu werden. Aber Rechte habe ich keine, da hilft mir das Geld meiner Familie kein bisschen weiter.“

Lily Karstens über Frauenrechte

Lily entdeckt aber noch mehr: dass es Frauen gibt, die sich mit der Rolle als Mutter und dekorative Ehefrau nicht zufriedengeben. Sie beginnt, sich Gedanken zu machen, freundet sich mit politisch aktiven Frauen an und entdeckt eine Welt, die so ganz anders ist als die ihrer Familie. In der zwar keine Geldsorgen herrschen, aber der gute Ruf alles ist. Abweichendes Verhalten wird von der guten Gesellschaft geahndet 

Lily entfernt sich immer mehr von ihrer Familie. Die Folgen bleiben nicht aus.

Von der Autorin Miriam Georg (Jahrgang 1987) hat man bisher noch nichts gehört. Sie freiberufliche Korrektorin und Lektorin, hat einen Studienabschluss in Europäischer Literatur sowie einen Master mit dem Schwerpunkt American Indian Literature. Für ihren Roman hat sie sehr gut recherchiert: über den Bau der Speicherstadt, die Arbeitsbedingungen der Hafenarbeiter, die Lage der Frauen. Der Kaufmann Heinrich Ohlendorff lieferte mit seinem ungewöhnlichen Werdegang das Vorbild für Ludwig Oolkert. 

Fazit

Historische Romane, die im Norden angesiedelt sind, gibt es zurzeit zahlreich. Dieser ist ein Überraschungserfolg und sticht positiv hervor. Es werden zahlreiche Themen angeschnitten, die Lebenswelten anschaulich geschildert. Das ist hoch-informativ und unterhaltend zugleich.  

„Elbleuchten“, Miriam Georg

640 Seiten, 10 Euro, rororo, VÖ 16.Januar 2021

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