„Nordwestzorn“: Anna Wagner und Hendrik Norberg auf den Spuren der Vergangenheit ⭐️⭐️⭐️⭐️

Der neue Fall von Kommissarin Anna Wagner hat es in sich: Vor mehr als 15 Jahren verschwand ein Junge aus einem Sommercamp bei St. Peter-Ording, eine Leiche wurde nie gefunden. Im Fokus der Ermittlungen standen damals drei Männer, von denen allerdings nur der Leiter des Camps angeklagt und nach einem öffentlichkeitswirksamen Indizienprozess freigesprochen wurde. Den Verdacht, sich an dem Jungen vergangen zu haben, konnte jedoch keiner der Männer je wieder vollständig abstreifen. Als der damalige Camp-Leiter Carsten Witt nach vielen Jahren im Ausland nach St. Peter-Ording zurückkehrt und nach kurzer Zeit spurlos verschwindet, ist der Soko schnell klar: Nur wenn sie den alten Fall lösen, haben sie vielleicht eine Chance, den Mann zu retten … (Verlagsinfo)

Januar 2020 – ein halbes Jahr ist seit dem ersten Fall für Anna Wagner und Hendrik Norberg vergangen. Inzwischen hat das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein ein Vermisstendezernat. Leiterin ist Anna Wagner, angesiedelt ist es in St. Peter-Ording. Ungewöhnlich – aber durch diese „Umstrukturierung“ kann Svea Jensen das Nordseebad zum Mittelpunkt ihrer neuen Krimi-Reihe machen.

„Sie hatte sich so manches mal gefragt, ob die Beamten überhaupt den Vorgängen nachgegangen waren, oder sie gleich zu den Akten gelegt hatten. Carsten war ein Aussätziger in St. Peter geworden, dem mit Abscheu begegnet wurde, und dieses Gefühl dürfte auch vor Polizisten nicht Halt machen.“

Es sind mehrere Aspekte, die bei diesem Fall zum Tragen kommen. Die Auswirkungen auf das Leben der drei Männer, die damals verdächtigt wurden. Die Rolle der Presse, die Arbeit der Polizei, Kumpanei in den Reihen der Polizei und sexuelle Belästigung (wie schon im Vorgänger-Krimi, allerdings eher ein Randaspekt). 

„Wenn sich nach Jahren neue Kollegen daransetzten, stand die Hoffnung auf einen frischen und unbelasteten Blick dahinter, aber es bestand natürlich auch die Gefahr, dass sie Unfähigkeit oder sogar Fehler der alten Kollegen aufdecken würden.“

Es hatte damals eine aufwändige Suche gegeben, in die Ermittlungen involviert waren Arndt Lürssen von der Flensburger Mordkommission sowie Pieter Johannsen und Hark Thomsen von der Kripo Husum. Jeder der drei Männer reagiert unterschiedlich, als der Fall wieder aufgerollt wird. 

„Ihr habt doch normalerweise einen Heile-Welt-Status. Wenn der dann plötzlich zerbricht, kann das schon einiges auslösen, weil man sich nicht mehr sicher in seiner Blase fühlt.“ 

Eine gehörige Prise Lokalkolorit ist auch dieses Mal dabei. Allerdings wohldosiert. Wie schon im Vorgänger richtet Svea Jensen den Blick auf menschliche Verstrickungen. Geltungsbedürfnis und Eitelkeit sind oft der Auslöser für ein Verbrechen. So auch in diesem Fall. 

Und dann ist da noch die Rolle der örtlichen Presse. Sie hatte damals auch zur Vorverurteilung der Männer durch die Bevölkerung beigetragen. Ein Aspekt, der nur angerissen wird, wie die anderen aber für Nachdenklichkeit sorgt. Denn für alle drei Verdächtigen zerbrach ihr bisheriges Leben.

Fazit

Es ist wohltuend, dass in dieser Reihe kein bis wenig Blut fließt, sondern die Charaktere, ihre Entwicklung und die Hintergründe für menschliches Handeln im Mittelpunkt stehen. Es gibt zwar die eine oder andere kleine Länge. Doch dieser Krimi mit Nordseeflair ist unbedingt empfehlenswert.

(Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt. Meine Meinung hat das nicht beeinflusst.)

„Nordwestzorn“, Svea Jensen (Soko St. Peter-Ording 2)

381 Seiten,12 Euro, HarperCollins, VÖ 25. Mai 2021

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