Mörderisch unterhaltsam, kriminell gut – das war das 2. Rendsburger FrauenKrimiFestival

Die Gäste erschienen vermummt. Maske war angesagt. Alles drehte sich um Mord und Totschlag, denn es hatten die „Mörderischen Schwestern“ eingeladen. Die Maske diente als Schutz vor dem Killer-Virus, das momentan die Menschheit bedroht. Gemeuchelt wurde zwar drei Tage lang, allerdings lediglich literarisch. Besucher mussten daher nicht um ihr Leben fürchten. Und am Platz konnten die Masken abgelegt werden. Schließlich wollten Verantwortliche und Zeugen gerne erkannt werden beim 2. Rendsburger FrauenKrimiFestival.

Rot und Schwarz sind die Farben der „Mörderischen Schwestern“. Hier: Regina Schleheck, Jutta Wilbertz und Fenna Williams (von links). Foto: Sopha

Ob Messer, Pistole oder Kettensäge – Frauen sind bei der Wahl ihres Mordinstrumentes durchaus nicht zimperlich (wie Anette Schwohl mit der Heckenschere auf dem Titelfoto zeigt). Weibliche Mord-Strategien wurden auf dem FrauenKrimiFestival von acht Autorinnen geliefert, ebenso wie clevere Ermittlungsergebnisse und zeitkritische Anmerkungen. Die Veranstaltung machte deutlich, wie groß die Bandbreite weiblich-literarischer Mord-Kunst ist. 

Tatort 
Bis auf den Auftakt am Freitagabend fanden alle Veranstaltungen im Freien statt. Im Innenhof des Rendsburger Hohen Arsenals hatten die Veranstalter ein Zelt aufgebaut. Coronabedingt waren die einzelnen Lesungen auf 75 Gäste beschränkt. 
Anne Gayed (Cello) und Christian Gates (Bass) lieferten musikalische Zwischenspiele. Foto: Sopha

Den Auftakt machten Kostproben der „British Ladies of Crime“ im Bürgersaal, denn an diesem Abend regnete es. Hier stand auch ein Mann auf der Bühne: Christian Gayed las pointiert und packend und lieferte mit seiner Frau Anne musikalische Zwischenspiele. 

„Mit mehr als 100 Millionen verkauften Exemplaren hat Agatha Christie den meistverkauften Kriminalroman aller Zeiten geschrieben.“

Anette Schwohl, Organisatorin

Heute liegen Werke, in denen gemordet wird, in der Beliebtheitsskala der Leserinnen und Leser ganz vorne. Agatha Christie wurde mit Miss Marple und Hercule Poirot weltberühmt. Ihr 26. Werk, das ehemals den Titel „Zehn kleine Negerlein“ trug und heute „Und dann gab’s keines mehr“ heißt, bescherte ihr einen bis heute andauernden Verkaufserfolg. Daraus gab es eine Kostprobe gelesen von Anette Schwohl. Noch aus der Originalfassung. In dem Kinderlied geht‘s ziemlich brutal zu. Im Buch verschwindet ein Besucher nach dem anderen von „Nigger Island“. 

„Es hat lange gedauert, bis Krimis als Literatur bezeichnet wurden.“

Anette Schwohl, Kunsthistorikerin und Dozentin

Auch der Norden ist ein mörderisches Pflaster. 35 Frauen sind allein in der Nordgruppe der „Mörderischen Schwestern“ organisiert (Schleswig-Holstein und Hamburg) – darunter Eva Almstädt, Heike Denzau, Svea Jensen und Anette Schwohl, die in Rendsburg gelesen haben.

Einig waren sich alle Autorinnen in einem Punkt: „Es ist schön, wieder vor Publikum zu lesen.“ Für die meisten war es die erste Live-Lesung nach dem Lockdown. Selbst wenn man das eine oder andere Buch kennt – vorgetragen von der Autorin erhält so manche Geschichte eine neue (packende) Qualität. Eine Meisterin der Vortragskunst ist beispielsweise Fenna Williams. „Blizzard-Wizard“ heißt die Geschichte, die sie zu der Anthologie „Hunde die bellen morden nicht“ beigesteuert hat und das Publikum mehrfach zum Lachen brachte. Eine skurrile Story, bei der sich alles um Sauberkeit und Waschbären dreht, mit wunderbaren Wortspielen und einem fantasievollen Tathergang. Ganz verleugnen konnte die Autorin darin nicht, dass sie Hochprozentiges aus den Highlands liebt: Da bemängelt die Protagonistin, dass amerikanische Waschmaschinen „mit weniger Umdrehungen schleudern als guter Whisky Prozente hat.“ 

Schlachtplan
Anette Schwohl und Klaus Fechner

Ausführung
Mörderische Schwestern, Stadtbücherei und VHS Rendsburg

Helfer
Coburg’sche Buchhandlung, Buchhandlung Patrick Goeser, Nordkolleg, Gleichstellungsbeauftragte Rendsburg, Stadt Rendsburg

Leichenschmaus und Verbrecher-Cocktails 
Catering-Team der VHS Rendsburg

Bekannt ist die Autorin unter dem Namen Auerbach für ihre Pippa-Bolle-Krimis. Warum dieses Pseudonym, das erklärte sie im Gespräch. Der Verlag wollte keinen englischen Namen. Sie und ihre damalige Co-Autorin hatten zwanzig Minuten Zeit, sich ein Pseudonym zu überlegen. Frau Keller hat sich inzwischen ausgeklinkt. Damit Zweiklang erhalten bleibt, führt die Autorin die Serie jetzt unter Auerbach&Auerbach fort. 

Der Wunsch der Verlage nach einem neuen Namen für eine neue Buchreihe kann verwirrend sein. Jedes Mal verhaspelte sich Anette Schwohl bei der Ankündigung der Autorin der Soko St. Peter-Ording: Angelika Waitschies ist mit Kiel-Krimis als Angelika Svensson bekannt geworden. Svea Jensen lautet der neue Name, unter dem sie für HaperCollins von der Nordseeküste schreibt. 

Spaß und Spannung – hier vor allem Spaß: Organisatorin Anette Schwohl, Bloggerin Sabine Sopha und Autorin Ella Danz (von links). Foto: Svea Jensen

Die Titelsuche ist ebenfalls ein Kapitel für sich. Zahlreiche Bücher führen die „Ostsee“ im Titel. Auch die Pia-Korittki-Serie von Eva Almstädt hat sie seit Band acht gepachtet. Das ist vielleicht für den Verkauf hilfreich, aber der Leser und die Leserin können schon mal das falsche Buch erwischen. Eva Almstädt ist das durchaus bewusst. „Wenn Sie tolle Ideen für Titel haben, immer her damit“, forderte sie das Publikum auf. In Band 12 geht es beispielsweise um Jäger. „Ostsee-Luder“ hatte Almstädt daher vorgeschlagen. Ein Luder ist in der Jägersprache ein totes Tier, das als Köder verwendet wird. Aber die meisten Leserinnen und Leser hätten bestimmt an etwas anderes gedacht. „Ostseefluch“ heißt jedenfalls die aktuelle Ausgabe (Band 16), die gleich nach dem Erscheinen auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste gesprungen ist, wie Anette Schwohl erklärte.

Die Büchertische waren gut sortiert: Katrin Murmann mit den Werken von Heike Denzau und Eva Almstädt. Foto: Sopha

Ella Danz, die aus Berlin angereist war, hatte den elften Fall ihres Feinschmecker-Kommissars Georg Angermüller druckfrisch im Gepäck. Da kam (literarisch) unter anderem fangfrischer Skrei auf den Teller und Buchhändler Patrick Goeser lief das Wasser im Munde zusammen. Das VHS-Catering-Team hatte zwar keinen Fisch auf der Karte stehen, aber köstlichen Kuchen und mörderisch gute Cocktails – serviert mit großer Freundlichkeit. 

Der Tatort: Der Innenhof des Hohen Arsenals in Rendsburg. Foto: Sopha

Goeser hatte das aktuelle Buch auf seinem Büchertisch liegen. Selbstverständlich war das nicht. Denn als er aus Erfurt zurückkam, wo er mit dem Deutschen Buchhändlerpreises ausgezeichnet worden war, stellte er entsetzt fest, dass die Exemplare von „Trugbilder“ noch nicht eingetroffen waren. Der Verlag hatte sie angeblich schon auf den Weg gebracht. Um auf Nummer sicher zu gehen, orderte der Buchhändler auch noch beim Grossisten Exemplare. Es kamen dann beide Bestellungen am Sonnabend an, sodass kein Mangel bestand. 

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Allerdings mangelt es an zu wenig Mehl – im Rezept für die Kanelsnegle, die dänischen Zimtschnecken, die in „Trugbilder“ zum Nachbacken verführen. „In der Printausgabe steht 400 Gramm Mehl“, entschuldigte sich Ella Danz. Sie hatte das Rezept von einer Freundin erhalten und erst ausprobiert, als das Buch schon fertig war. „Besser sind 500 Gramm. Aber dann sind sie ein Gedicht!“

Dass kulinarische Recherche ihre Tücken haben kann, erlebte Heike Denzau. Sie hatte den neuen Band über ihren Privatdetektiv Rafael Freersen dabei, der mit Charme und Unverschämtheit auf Föhr ermittelt. Denzau selbst schwärmte von ihrer Lieblingsinsel und offenbarte, dass sie bei den Recherchen natürlich „alles Kulinarische, das ich erwähne, auch selbst probiert habe.“ Allerdings mit Folgen: Eine Friesenwaffen mit Eis und Eierlikör kostete sie nicht nur acht Euro fünfzig, sondern auch die Gallenblase. 

Die körperliche Länge sagt nichts über die Qualität der Geschichten aus – da ist Regina Schleheck (links) ganz groß. Foto: Sopha

Die weiteste Anreise zum Festival hatten Regina Schleheck (Leverkusen) und Jutta Wilbertz (Köln). Zwar gab es keinen Stau auf den Autobahnen, aber mal wieder vor dem Rendsburger Kanaltunnel. 15 Minuten vor der „Ladies Crime Night“ erreichten sie das Hohe Arsenal. Zum Glück. Denn mit ihren pointierten Formulierungen sind ihre Geschichten ein Hochgenuss. Außerdem sorgte Jutta Wilbertz mit ihrer Ukulele mit mörderisch guten Ohrwürmern für Furore. 

Fazit

Die Ladies-Crime-Night war ausverkauft, die Lesungen am Sonnabendnachmittag und Sonntagmorgen nicht so stark besucht. Aber es herrschte durchweg eine entspannte Atmosphäre. Organisatorin Anette Schwohl und Bücherei-Chef Klaus-Dieter Fechner sind zufrieden. „Wir sehen uns in zwei Jahren wieder“, verabschiedeten sie Gäste und Autorinnen. 

Mee(h)r-Lesen-Redakteurin Sabine Sopha mit Maske.

Mörderische Schwestern und ihre Werke

Eva Almstädt, „Ostseefalle”, BasteiLübbe 2021

Ella Danz, „Trugbilder“, Gmeiner Verlag 2021

Heike Denzau, „Nordseegeheimnis“, Emons 2021

Svea Jensen, „Nordwestzorn“, HaperCollins 2021

Anette Schwohl, „Hunde die bellen morden nicht, KBV 2020

Regina Schleheck, „Peinlich“.  In: Diebe, Mörder, Galgenstricke. Wellhöfer 2020

Jutta Wilbertz, „Upps – tot“, BoD

Fenna Williams, “Viele Erben verderben das Sterben”, ein neuer Fall für Pippa Bolle, Ullstein 2021

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