Altes Haus, neue Heimat und ein Buch über zwei liebenswerte Wichtel

Elisabeth Hagopian und J. Alexander Schmidt sind leidenschaftliche Künstler, erfolgreiche Buchautoren und fabelhafte Gastgeber

Ende vergangenen Jahres erblickten zwei kleine nordfriesische Wichtel das Licht der Welt, nachdem sie schon eine Weile in Elisabeth Hagopians Gedanken herangereift waren. Die Lehrerin schrieb ihre Geschichte auf, Architekt und Ehemann J. Alexander Schmidt schuf die passenden Zeichnungen und es entstand ein ganz besonderes Buch. Die ehemaligen Großstädter leben auf dem malerischen Stoffershof in Ahrenviölfeld. Im Garten erzählen die Neu-Nordfriesen bei selbstgebackenem Kuchen von ihrer Buchidee, der Entdeckung der nordfriesischen Lebensart und ihren künstlerischen Ambitionen. 

„Ich bewirte gerne Gäste“, erklärt Elisabeth Hagopian per Mail. „Kommen Sie doch zum Kaffee bei uns vorbei.“ Eben mal so ist das nicht getan. Aus dem Ruhrpott ist das Paar in die nordfriesische Einsamkeit gezogen. Von der Bundesstraße 201 Richtung Ahrenviöl sind nur wenige Autos unterwegs, hinter der Abzweigung nach Ahrenviölfeld ist kein Wagen mehr zu sehen und die Zufahrt zum Stoffershof scheint ins Nichts zu führen. Doch halt, ist das am Ende des Weges etwa ein Berg? Das hellbraune Gebilde wird beim Näherkommen immer höher. Es entpuppt sich als bis zum Boden reichendes Reetdach.

Die reetgedeckte Hütte sieht aus wie ein Hobbit-Haus. Hier wohnen allerdings keine Wichtel, sondern hausen Schwalben über abgestellten Autos. „Der Carport stand hier schon, als wir das Haus übernommen haben“, erzählt die Gastgeberin und weist den Weg hinter das Wohngebäude. Dort ist inmitten von blühenden Blumen der Kaffee-Tisch liebevoll gedeckt.

In den Medien haben die Künstler und ihre Wichtel ein großes Echo erzeugt. © Sabine Sopha

Das NDR-Fernsehen hat hier gefilmt, in der Lokalzeitung „Husumer Nachrichten“ sind mehrere Artikel über den Entstehungsprozess des Buches erschienen (unter anderem mit der passenden Überschrift „Kleine Wichtel, große Wirkung“), auf Plattdeutsch haben die „Kieler Nachrichten“ berichtet und in der LandGang-Ausgabe von Anfang September sind „Arlewatt und Olderup“ auch vertreten. 

Elisabeth Hagopian
Geboren und aufgewachsen ist die jetzt 68-Jährige bei Bad Kreuznach. Als Gymnasiallehrerin unterrichtete sie Deutsch und Englisch, arbeitete als Theaterpädagogin. Sie hat drei Kinder und heiratete 2014 Alexander J. Schmidt. Bei der Suche nach einem Hochzeitskleid wurde sie fürs Modeln entdeckt und beteiligte sich 2016 in Schleswig-Holstein mit Erfolg am Top Ten Modelcontest. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Schuldienst erfüllte sie sich einen langgehegten Traum und nahm Kunst-Unterricht – unter anderem an Kunstakademien in Salzburg, Worpswede und Essen. Sie hat ihre Bilder bereits in ganz Deutschland ausgestellt, im Husumer Speicher, in Mikkelberg und im Rathaus Husum. Sie gehört dem Kunstverein Husum an und gibt in ihrem Atelier Malunterricht.

Homepage: www.elisabeth-hagopian.de

Ende 2014 sind die aparte, modebewusste Frau und ihr Mann von Essen nach Nordfriesland gezogen. Seine Umgebung hat das Paar per Fahrrad erkundet. Dabei hat sich Elisabeth Hagopian über die Ortsnamen amüsiert. Arlewatt, Olderup – das klingt für sie wie im Märchen, auch wenn sie inzwischen weiß: Viöl bedeutet Berg, Rup ist eine kleine Ansammlung von Häusern, Olde könnte ein Begriff für alt sein. Die Namen regten die Fantasie der Künstlerin an. Als die einen Blumenstrauß mit Wichtel entdeckte, wusste sie: „Das ist Arlewatt“. Sie schrieb die Geschichte auf und ihr Mann zeichnete die Bilder. Arlewatt ist schlank und trägt eine rote Zipfelmütze, Olderup ist dick und mit seiner knallgelben Joppe schnell erkennbar. 

© Sopha (2), Hagopian !1

Alexander Schmidt hat schon früh begonnen, zu zeichnen. Allerdings entschied er sich dann für das Architekturstudium und skizzierte und konzipierte fortan. Stadtplanung und -gestaltung waren seine Themen mit den Schwerpunkten Klimawandel, Mobilität und Gesundheit in der Stadt der Zukunft. Er arbeitete mehr als 25 Jahre als Architekt und Stadtplaner und lehrt als Professor an der Uni Essen.

„Es sollte ein Geschenk für unsere Enkel werden.“ Elisabeth Hagopian holt das erste Buchexemplar hervor, noch aus dem Copy-Shop. Doch die Neu-Nordfriesen wurden mit dem Husum Verlag handelseinig – und das Buch von „Arlewatt und Olderup“ (siehe Buchbesprechung) wurde ein voller Erfolg. Elisabeth Hagopian hat die Zeitungsausschnitte aufbewahrt, auch von „Flensborg Avis“, der Zeitung der dänischen Minderheit. Auf dem Titelplatt prangt ein großes Foto von Komiker Otto, darunter steht der Bericht über Arlewatt und Olderup.

Hof und Garten im Sommer. ©Sabine Sopha

Das war nicht vorhersehbar, als sich die Amrum-Fans vor einigen Jahren entschlossen, einen Zweitwohnsitz auf der Insel zu erwerben. Erschrocken waren sie angesichts der Preise für ein „kleines Standbein“. Also dehnten sie ihre Suche auf das Festland aus. Neubauten waren ihnen zu schier, der Garten sollte auch nicht zu arbeitsintensiv sein. Als sie dann vor dem 170 Jahre alten Geestlanghaus mit 3000 Quadratmeter Grundstück in Ahrenviölfeld standen, „war es Liebe auf den ersten Blick“, bekennt Alexander Schmidt. „Völlig irrational.“ Denn der Kauf bedeutete kein zweites Standbein, sondern die Verlegung des Lebensmittelpunktes.

Der Stoffershof (rechts) mit dem Atelierhaus (links) – gezeichnet von Alexander Schmidt.

Von ihrem „kleinen Paradies“ (O-Ton Schmidt) geht der Blick weit über die Felder. An die 40 Vogelhäuser sind im Garten verteilt. Sie werden eifrig von Meisen-Eltern und anderen gefiederten Gästen angeflogen. Am Gartenrand steht eine große Zitterpappel. „Wenn der Wind durch die Äste fährt, klingt es wie Wasserrauschen“, erklärt Elisabeth Hagopian. Zum nächsten Nachbarn ist es ein gutes Stück quer über den Acker. Doch die beiden Ex-Großstädter haben sich schnell in die dörfliche Gemeinschaft eingelebt, beteiligen sich bewusst am Gemeindeleben und haben zahlreiche neue Freundschaften geschlossen.

Der Stoffershof
Das langgestreckte, aus gelben Backsteinen erbaute Gebäude in Ahrenviölfeld ist ein sogenanntes Geesthardenhaus. Es trägt die Nummer 368 im Denkmalregister und stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Häuser waren mit der Längsseite zur Straße hin ausgerichtet, Wohn- und Wirtschaftsbereich sind unter einem Dach untergebracht, allerdings mit separaten Eingängen. Das hat heute den Vorteil, dass die Gäste ihren eigenen Zugang haben, denn das Ehepaar Hagopian-Schmidt vermietet einen Raum mit angrenzendem Bad als Airbnb-Unterkunft. 

Einen Anteil daran hat ein kleines Reetdachhaus am Rande des Grundstücks. „Das ist der ehemalige Schweinestall“, klärt Elisabeth Hagopian auf, steuert zielstrebig darauf zu und öffnet die Tür zu einem hellen Raum mit Fliesenfußboden und weißgetünchten Wänden. Nachdem das Borstenvieh ausgezogen war, hatte ein Psychologe hier seine Praxisräume untergebracht. „Wir mussten gar nicht renovieren.“ Nun hat die Künstlerin hier ihr Atelier, in dem sie auch Malkurse gibt. 

An der Wand hängen Porträts, eines davon zeigt die Künstlerin. Einer ihrer Schwerpunkte. Sie holt weitere Bilder hervor, erläutert ihre Vorgehensweise. Mit jedem Wort wird deutlich: Malen ist ihre Leidenschaft. Es sind auch großformatige Blumenbilder entstanden von frischer Farbigkeit. Oder Tierbilder. Elisabeth Hagopian folgt immer ihrer Eingebung. Dann sind da noch die Bücher, in denen sie und ihr Mann Eindrücke von Reisen festgehalten haben. Ihr gefallen seine Werke. Darum hat er auch das Buch illustriert.

In den vergangenen sieben Jahren hat das Paar viel über Nordfriesland und die Lebensweise auf dem Land gelernt. Zum Beispiel, dass Türen nicht abgeschlossen werden. Oder dass bei einer Geburtstagsfeier nicht alles Torten auf einmal auf dem Tisch präsentiert werden, sondern nach und nach jede einzelne die Runde macht. „Dann kommt die Käseplatte und anschließend ein Schnäpschen“, erinnert sich die Wahl-Nordfriesin lächelnd.

© Hagopian (2), Sopha (1)

Sie haben den Umzug nicht bereut. Sie sind zwar nicht mehr so viel in der Welt unterwegs wie früher, aber jetzt kommt die Welt zu ihnen. Im Garten veranstaltet Professor Schmidt die „Ahrenviöler Doktorandentage“, wie er die Treffen mit seinen Studenten nennt. Außerdem plant das Paar Hauskonzerte auf dem Stoffershof. Die Flyer für die Premiere waren schon gedruckt – „dann kam Corona“. 

„Wir wollen unser Paradies teilen und andere teilhaben lassen.“

Alexander Schmidt

Daher kann man in der „Kleinen Galerie auf dem Stoffershof“ auch Urlaub machen. Die beiden schwärmen von ihren Gästen und den interessanten Gesprächen. Die wiederum sind begeistert von dem großartigen Frühstück, dass die Dame des Hauses serviert. Oder von ihrem Kuchen. Da vergeht ein Nachmittag im Garten wie im Flug.

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