Fernando Pessoa: Portugiesische Dichter-Ikone

Geboren am 13. Juni 1888 in Lissabon, dort gestorben am 30. November 1935 ▪️

„Fernando Pessoa ist gestorben. Kaum, dass ich die Nachricht in der Zeitung gelesen hatte, schloss ich die Tür meiner Praxis und begab mich in die endlosen Berge. Mit den Tannen und den steilen Felsen habe ich den Tod unseres größten Poeten beweint. Portugal sah ihn in einem Sarg in die Ewigkeit ziehen, ohne je einmal danach zu fragen, wer er eigentlich war.“ 

Mit diesen Worten reagierte Miguel Torga, ein anderer Gigant der portugiesischen Literatur, auf den Tod Fernando Pessoas. 

Tatsächlich gibt es unendlich viel zu sagen über den Dichter Pessoa, der nicht nur Verse schmiedete, sondern literarische Richtungen erfand: Intersektionismus, Sensationismus, Paulismus. 

Von sich selbst sagte er:

Dichter und Schriftsteller sein stellt keinen Beruf dar, sondern eine Berufung.“ 

Bekannt sind seine Heteronyme – Charaktere, die er schuf und denen er komplette Biografien auf den fiktiven Leib schrieb. Álvaro de Campos, Ricardo Reis, Alberto Caeiro, Bernardo Soares. Wenig bekannt ist dabei der Name Alexander Search, Pessoas erste Namens- und Charakter-Kreation, die praktisch die gesamte Poesie seiner Jugend zwischen 1903 und 1910 repräsentiert.

Heteronym oder Pseudonym?

Doch hier verschwimmen die Grenzen zwischen Heteronym und Pseudonym als Abbildung des eigenen Ich unter anderem Namen, denn Pessoa schreibt ‘Alexander Search’ sein eigenes Geburtsdatum zu: den 13.Juni 1888. Diese Namens- und Personen-Schöpfung sowie einige Gedichte als Grundlage führten dazu, dass Literatur-Wissenschaftler formale Fragen zwischen Pseudonym, Heteronym, Vor-Heteronym, Sub-Heteronym oder literarischer Persönlichkeit debattieren, je nachdem, wie sie diese erstgeschaffene, mysteriöse und faszinierende Figur interpretierten. 

Tatsächlich ist ‘Alexander Search’ vor allem ein wichtiges Stück in Pessoas Dichterwerdung, in dem er die Rolle des Vorläufers oder Verkünders aller zukünftigen Themen und der verschiedenen Welten einnimmt, die die späteren Heteronyme darstellten. Auch andere prägende Wegmarken in Pessoas Leben werden in gängigen Beschreibungen des Dichters kaum beachtet. 

Ein Portrait in der Galerie des CLCC in Portimão, ein T-Shirt in einem Souvenir-Laden in der Alfama, Pessoas Lernheft der deutschen Sprache „Caderno de Alemão ou língua parecida“ und Aufzeichnungen zur Aussprache des Deutschen (Dank an das Archiv der ‘Casa Fernando Pessoa’ in Lissabon), das Tattoo auf dem Arm einer jungen Frau, die ich vor einiger Zeit in Portimão kennen gelernt habe, eine Statue in der Grünanlage ‘Parque dos Poetas’ in Oeiras und das Cover von „Tape-Recordings eines metaphysischen Ingenieurs“, ein einstündiges Hörspiel in deutscher Sprache, das durch Fernando Pessoas Lissabon führt. Collage: Henrietta Bilawer

Bekannt als Intellektueller

Pessoa war zu Lebzeiten in Portugal eher als Intellektueller bekannt. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Korrespondent eines Handelskontors, seine zweite Muttersprache war Englisch (viele Jahre seiner Kindheit und Jugend hatte er im südafrikanischen Durban verbracht, andere Länder hat er nicht bereist). Spuren vieler Kulturen stecken in seinem über 27.000 Manuskripte umfassenden Werk, unter anderem Texte auf beschriebenen Kalenderblättern, Tischservietten, Rechnungsblöcken, Briefumschlägen, Notizbüchern, Buchdeckeln und Plakat-Resten; das meiste blieb bis zu seinem Tode unveröffentlicht. 

Es war für ihn nicht vorrangig, ob und wenn ja, wo seine literarischen Texte erschienen. Er selbst hob aus seinem Werk „35 Sonnets (in Englisch), English Poems I -II und English Poems III“ hervor. So gilt Pessoa allgemein als stark von der englischen Kultur beeinflusst. Auch französische Einflüsse sind feststellbar. 

Interessiert an internationaler Inspiration

Fernando Pessoa war in positiv-kreativer Weise an internationaler Inspiration interessiert. So hat ihn unter anderem die Lektüre deutscher Autoren deutlich beeinflusst. Die Geltung deutschsprachigen Schrifttums sei für Pessoa ein „Schritt zur ganzen Wahrheit“, meinte der Schriftsteller António Mega Ferreira. In sein Tagebuch trägt Fernando Pessoa am 26. April 1906 ein, er habe begonnen Deutsch zu lernen. Später folgt eine Bemerkung zum Versuch, ein kleines Gedicht von Friedrich Schiller zu übersetzen. Die ‘Kritik der reinen Vernunft’ hatte Pessoa ebenfalls gelesen, allerdings in einer französischen Übersetzung.

Bezüge zu Schopenhauer und Nietzsche

Jerónimo Pizarro, Übersetzer und Literaturdozent an der Universidad de los Andes in Santiago de Chile sowie Herausgeber vieler Werke Pessoas, berichtet über ein Heftchen des Dichters mit dem Titel „Caderno de Alemão ou língua parecida“ („Heft für Deutsch oder eine ähnliche Sprache“), in dem Pessoa die Lautschrift für die Aussprache deutscher Wörter kalligrafisch gezeichnet hat. 

Steffen Dix, deutscher Dozent am Institut für Sozialwissenschaften der Lissabonner Universidade Católica, schrieb 2005 seine Doktorarbeit zum Thema „Heteronymie und Neopaginismus bei Fernando Pessoa“ und referiert, es gebe noch viel zu ergründen bei Pessoa, der zwar in Englisch über die Willensfreiheit schrieb, es fänden sich aber erstaunliche Parallelen zum deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer. Und Pessoas „Livro do desassossego“ („Buch der Unruhe“), sein wichtigstes Werk, zeige in seinem nihilistischen Grundton Verwandtschaft zum deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche. Auch Goethe und Heinrich Heine haben Pessoas Denken beeinflusst. Deutschsprachige Werke können nach Ansicht von Steffen Dix als „dritter Stützpfeiler in Pessoas Werk neben englischer und französischer Kultur angesehen werden“. 

Pessoa fand auch Übereinstimmungen zwischen Deutschen und Portugiesen:

„Genau wie die Deutschen warten wir immer auf eine Kommandostimme.“ 

Das Deutschlandbild Fernando Pessoas spiegelt sich in Artikeln, die er für die Zeitung „O Jornal“ verfasste: „Aus Neid auf das deutsche Organisationstalent entstand bei uns das häufige Debattieren darüber, was man alles organisieren könnte.“ Da Pessoa den größten Teil seiner Bemerkungen über Deutschland in den Jahren 1914 bis 1918 niederschrieb, fiel die Betrachtung angesichts des Ersten Weltkriegs wenig schmeichelhaft aus. Pessoa schrieb: „Die Deutschen sind gebildet – Spezialisten – aber ohne Kultur“.

Tod mit 47 Jahren

Am 30. November 1935 starb der Dichter im Alter von gerade mal 47 Jahren an Leberzirrhose. Im Jahr 1988, anlässlich der 100-Jahrfeier von Pessoas Geburt, wurden seine sterblichen Überreste in das Mosterio dos Jerónimos überführt. Eine Gedenk-Stele trägt Verse der Heteronyme Caeiro, Reis und Campos, aber keinen, den Pessoa unter eigenen Namen geschrieben hat. 

Zitat von Álvaro de Campos auf der Gedenk-Stele 

„Es gibt eine Zeit,

in der es nötig ist,

die Kleidung abzulegen, die 

bereits die Form unseres Körpers

angenommen hat,

und unsere Wege zu vergessen,

die uns immer an dieselben Orte führen.

Das ist die Zeit

des Übergangs

Und wenn wir es nicht wagen,

dies zu tun,

müssen wir für immer

am Rande unserer selbst ausharren.“

Bücher von Pessoa (Auswahl)

  • Mein Lissabon
  • Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

Über den Dichter    

Fotos

Abbildungen und Nachbildungen Pessoas, gefunden überall in Lissabon 

Die ‘Casa Fernando Pessoa’ (ein Museum und Dokumentations-Zentrum in dem Haus im Stadtteil Campo de Ourique, in dem der Dichter sein letztes Lebensjahrzehnt verbracht hat), offeriert einen ungewöhlichen Kultur-Service während der Zeit, da keine Museen besucht werden können: Das Projekt „Leituras ao Ouvido“ besinnt sich auf verbale Kommunikation außerhalb der sozialen Netzwerke: Anrufer können sich ausgewählte Gedichte und Geschichten am Telefon vorlesen lassen. 

asdfasdfsadfs Foto: Henrietta Bilawer
Der Dichter und das Meer

Fernando Pessoa wird in Portugal bis heute in einer kaum überschaubaren Menge von Darstellungen festgehalten – wie auch hier: Das Foto habe ich auf einer Ausstellung der Künstlerin Barbara Jane Boulter im städtischen Museum in Portimão gemacht. Die aus England stammende Künstlerin lebt seit einem halben Jahrhundert in der Algarve und hat für ihre Werke über die Verschmutzung der Meere die portugiesische Dichter-Ikone gewählt; ein Unsterblicher in der portugiesischen Kulturlandschaft. Ebenfalls mit ewigem Leben ausgestattet scheint Plastik in den Weltmeeren zu sein.
Die Symbiose von Dichterkunst und angeschwemmtem Kunststoff präsentiert als „catch of the day“ (Fang des Tages) – kleine Plastikteile auf des Dichters Teller. Er selbst und der Tisch (die Szenerie ist dem Bronze-Ensemble vor dem Lissabonner Café „A Brasileira“ nachempfunden) wurden aus größeren Gegenständen zusammengesetzt: Bei Pessoa kamen unter anderem Kanister, Bruchstücke von Armaturenbrettern, Teller, Lebensmittel-Verpackungen, Schraubverschlüsse, Plastiktüten und Gummihandschuhe zum Einsatz; den Boden bilden unzählige Kaffeekapseln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.