Rezension – Anja Marschall: Hotel Vier Jahreszeiten. Ein Traum in Gold

Bewertung: 5 von 5.

Es ist ein bisschen wie im Märchen. Armes Mädchen findet im Luxushotel Arbeit und ein zuhause. Aber es ist auch ein Stück Hamburger Geschichte – nämlich die des Hotels Vier Jahreszeiten, das wunderschön gelegen an der Alster einen internationalen Ruf genießt. Anja Marschall verwebt beide Stoffe zu einem spannenden historischen Roman, den ich mit Begeisterung gelesen habe. 

Verlagsinfo

Hamburg, 1914: die 14jährige Luise wächst im Armenviertel der Stadt auf. Als sie die Chance bekommt, im vornehmen Hotel Vier Jahreszeiten zu arbeiten, scheint ihr Traum auf ein besseres Leben in Erfüllung zu gehen. Doch der Alltag im Waschkeller des Hotels ist hart und Luise muss sich gegen viele Widrigkeiten behaupten. Zum Glück ist Page Hans an ihrer Seite. Dank ihm entdeckt sie die Wahrheit über ihre Herkunft, während draußen der Krieg tobt. Das Hotel wird zu ihrer Familie, die sie nie hatte. Und sie ist bereit, diese mit ihrem Leben zu verteidigen.

Ein bisschen Märchen und viele Fakten

Oft bin ich schon an der Alster entlangspaziert – mit Blick auf die schneeweiße Fassade des Hotels Vier Jahreszeiten. Merkwürdigerweise hatte ich nie das Bedürfnis, ein Blick ins Innere zu werfen. Das hier Luxus für Gäste aus aller Welt geboten wird, wusste ich. Autorin Anja Marschall ist gebürtige Hamburgerin und sie war schon als Kind fasziniert von dem herrschaftlichen Eingang mit dem roten Teppich.

Nicht viel anders geht es 1914 Luise. Sie lebt im Gängeviertel, einer völlig anderen Welt, geprägt von Hunger, Gestank, Arbeit und Gewalt. Wie ein Märchenschloss erscheint ihr das im Lichterglanz erstrahlende Gebäude. Gemeinsam mit ihrer Ziehmutter flickt sie die Hotel-Wäsche. Harte Arbeit, die wenig Geld einbringt. 

Die Schilderungen sind atmosphärisch dicht, katapultieren einen hinein in diese grausam-arme Welt, die streng hierarchisch gegliedert und kaum durchlässig ist.

„Unsereins lungert nicht herum. Und promenieren tut er auch nicht. Wir arbeiten und sind durchsichtig. Jeder an seinem Platz. Zu Gottes Wohlgefallen.“

Anja Marschall gelingt es, die Gesellschaft und Lebensbedingungen von vor gut einhundert Jahren lebendig werden zu lassen. Es sind die Schilderungen im Detail von Kleidung, Wohnung, Essen, die einen ein anschauliches Bild vermitteln. Das große Plus der Autorin: Dies wirkt nie sachlich-belehrend, fast nebenbei erfährt der Leser beispielsweise, wie hoch der Tageslohn für das junge Mädchen als Wäschern ist: zwanzig Pfennige. Die Nachbarin stellt klar:

„Das ist nicht viel … Fünfundzwanzig erhält eine Kaffeeleserin in der Speicherstadt pro Stunde. Und das ist schon ein Hungerlohn.“

Dennoch nimmt Luise den Job in der Wäscherei des Vier Jahreszeiten an. So beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Und Leser/Leserin werden mit ihr in die Welt des Luxushotels eingeführt. Eine Welt mit besonderen Regeln, die von den Angestellten streng zu befolgen sind. Aber auch eine moderne mit Kühlschrank, Aufzug, Telefon – denn der „Patron“ Friedrich Haerlin steht Neuerungen aufgeschlossen gegenüber. 

Hintergrund

Anja Marschall recherchiert akribisch für ihre historischen Romane. Und das wird in jeder Zeile spürbar. Außerdem macht es Lust, mehr über die Zeit und den Roman-Gegenstand zu erfahren – in diesem Fall das Hotel Vier Jahreszeiten und seinen Gründer. Dazu schreibt die Autorin einiges in ihrem Nachwort und ich habe etwas zusammengetragen. Wer mag, kann es hier nachlesen

Luise muss sich gegen einige Widrigkeiten durchsetzen, zum Beispiel die böse Hausdame, die ihr aus unerfindlichen Gründen ständig Steine in den Weg legt. Aber sie hat auch den gewitzten Pagen Hans an ihrer Seite. Sie ist zudem auf der Suche nach ihrer Herkunft (und wird auch fündig). 

Einzig mit dem Cover bin ich nicht ganz einverstanden. Im Hintergrund ist eine historisches Bild des Hotel erkennbar. Das ist sehr schön. Das Mädchen im Vordergrund stammt aber garantiert nicht aus der Zeit 1914 bis 1919. Damals trugen Kellnerinnen und/oder Zimmermädchen mit Sicherheit das Haare nicht offen und halblang.

Fazit

Sicher, einige Punkte der Geschichte haben etwas märchenhaftes. Doch es hat mich nicht gestört. Denn die Geschichte ist in sich stimmig. Insgesamt ist das Buch wie sein Titel – ein Traum in Gold – und endet mit einem veritablen Cliffhänger. Wie gut, das K zwei, „Der Glanz des neuen Morgens“, bereits  am 14. Juli erscheint (ebook 7. Juli).

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank. Meine Meinung hat dies nicht beeinflusst.

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