
Mit der „Halbwertzeit von Glück“ hatte die Hamburger Autorin Louise Pelt im vergangenen Jahr großen Erfolg. Jetzt widmet sie sich der Einsamkeit. Es ist die Geschichte von drei Frauen zu unterschiedlichen Zeiten, die aus unterschiedlichen Gründen einsam sind. Die Suche nach Antworten führt sie schließlich zusammen.
Verlagsinfo
Journalistin Olive träumt von der ganz großen Geschichte – und davon, endlich ein Zuhause zu finden. Zwar ist sie in einer liebevollen Familie aufgewachsen, aber sie wird das Gefühl nicht los, dass ihr etwas fehlt, um wirklich glücklich zu sein. Können ausgerechnet die Nachforschungen zu dem alten, scheinbar wertlosen Kompass ihrer Großmutter Olive aus ihrer Einsamkeit führen? Zwanzig Jahre zuvor führt Claire ein Leben auf der Überholspur. Aber die Nachricht vom Tod ihrer Schwester Iris wirft sie aus der Bahn. Sie flieht Hals über Kopf auf die kleine Felsinsel, auf der Iris lebte. Dort findet Claire haufenweise Zeichnungen – darunter auch eine von einem alten, scheinbar wertlosen Kompass.
Das Buch
„Wie kann es sein, dass wir heute so vernetzt sind und uns trotzdem so oft allein und ungesehen fühlen?“, fragte sich Louise Pelt. Einsamkeit ist ein großes Thema. Schon junge Menschen leiden darunter – trotz (oder vielleicht wegen) Internet und sozialer Medien. Zahlreiche Studien beschäftigen sich damit. Aber was genau ist Einsamkeit? Die Definition lautet:
„Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, bei dem die eigenen sozialen Beziehungen nicht den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen. Zum Beispiel kann Einsamkeit für manche einen empfundenen Mangel an engen, emotionalen Bindungen bedeuten.“
Großbritannien hat sogar ein Ministerium gegen Einsamkeit ins Leben gerufen. Und auf der britischen Insel startet die Geschichte dieses Buches. Im Jahr 2022 läuft es für Olive Elizabeth Brown nicht gut. Im Job wird sie nicht ernst genommen. Ihr Freund vergisst ihren Geburtstag. Und ihre geliebte Großmutter ist nach einem Unfall nicht mehr ansprechbar.
„Jeder Mensch hatte es verdient, in den Arm genommen und ein Teil von etwas zu werden. Das machte es für Olive nur noch schlimmer, dass sie sich im Kreise ihrer großen, fürsorglichen Familie manchmal so fehl am Platz fühlte, so fremd, allein und andersartig, wie ein Samen, der vom Wind herumgetragen wurde, aber nirgendwo Boden zum Keimen fand, keinen Ort zum Bleiben und Wurzelnschlagen.“ (Zitat aus dem Buch)
Zwanzig Jahre zuvor, im Jahr 2000: Auch Claire ist einsam. Es ist ihr nur lange Zeit nicht bewusst. Denn die New Yorker Anwältin lenkt sich mit Arbeit ab. Sehr viel Arbeit, die ihr großen Erfolg beschert. Nur mit den zwischenmenschlichen Beziehungen, da hapert es. Das ändert sich, als sie eine überraschende Nachricht erhält, die sie an die US-Küste im hohen Norden verschlägt.
England, New York, die Pazifikküste bei Seattle, Kopenhagen, Hamburg sind die Spielorte – im Mittelpunkt ein alter Kompass und eine dramatische Liebesgeschichte. Lange Zeit ist nicht klar, was diese so unterschiedlichen Geschichten miteinander verbindet. Und es gibt ja noch einen dritten Strang, der in den 40er Jahren spielt. Eingestreut sind Gedichte, die in den 1940er-und 50er Jahren in Dänemark verfasst wurden. Auf diese Weise wird vieles angedeutet. Man ahnt etwas, aber erst nach und nach vereinen sich die Handlungsstränge.
Der alles verbindende Kompass ist zwar ein Kunstgriff. Aber das ist okay, denn es sind die Gefühle der Hauptpersonen, die dieses Buch tragen. Ihre Sehnsüchte, ihre Liebe, ihre Enttäuschungen.
„Man muss nicht zwangsläufig allein sein, um sich einsam zu fühlen,“ konstatiert Louise Pelt. Genau so ist es. Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Wahrscheinlich einer der Gründe, warum mich dieser Roman so außerordentlich bewegt hat.
Fazit
Ein berührendes, fesselndes und nachdenklich stimmendes Buch. Besser geht es nicht. Außerdem: Es ist lange nicht mehr vorgekommen, dass mich eine Lektüre zum Weinen gebracht hat.
„Die Anatomie der Einsamkeit“, Louise Pelt
448 Seiten, 22 Euro, Lübbe HC, VÖ 28. Februar 2025
