Film-Dokumentation von Hermann Pölking jetzt im Kino ◼️
Mit Büchern das alte Ostpreußen entdecken ◼️

Hermann Pölking – der Name war mir ein Begriff. Der Autor aus Bremen hat mit dem Buch „Ostpreußen. Biografie einer Provinz“ ein fulminantes Werk zur wechselvollen Geschichte dieser Region im Osten Europas geschrieben. Mit „Ostpreußen – entschwundene Welt“ ist nun ein von ihm produzierter Film in die Kinos gekommen, der Land und Leute in Originalaufnahmen zeigt. Eine beeindruckende Dokumentation, entstanden in mühevoller Arbeit – und sehr sehenswert, nicht nur für jene, die einen Bezug zu Ostpreußen haben (Termine am Ende).
Der Film
„Ostpreußen – Entschwundene Welt“ ist eine Dokumentation für das Kino, ein Erzählfilm, der den Kinosaal als Fenster zu einer anderen Zeit braucht. Die Kinodokumentation ist ein reiner Kompilationsfilm. Es gibt keine Inszenierungen, keine Statements von Zeitzeugen oder Sachkundigen, keine Neudrehs. Die Dokumentation erzählt allein aus filmischen Quellen – und zu Beginn auch aus akustischen. Da über 80 Prozent der Aufnahmen von Amateuren stammen, erzählt „Ostpreußen – Entschwundene Welt“ immer wieder auch biografisch.
Nur zu Beginn unterbricht „Ostpreußen – Entschwundene Welt“ die Chronologie der Jahre. Denn die Dokumentation beginnt 1944 mit dem Drama des Untergangs und kann dabei – fast schon eine Sensation – auch auf Amateurfilme zurückgreifen. Wenn vom Untergang Ostpreußens im April 1945 in Gewaltorgien, dem ein fast völliger Bevölkerungsaustausch folgte, berichtet ist, beginnt die Dokumentation ihre subjektive Erinnerung an ein „in die Geschichte entschwundenes Land“. (Quelle: Neue Lloyd Filmdistribution)

Mythos und Sehnsuchtsland
Vielfach bin ich nach Polen und ins Baltikum gereist. Masuren und Memelland waren die bevorzugten Destinationen. Warum? Ich hatte keinen Bezug zu der Region. Meine Mutter und ihre Schwestern waren zwar Kriegsflüchtlinge, aber aus Stettin. Pommern hat mich nie gereizt, zu den ehemaligen ostpreußischen Landstrichen fühlte ich jedoch von Anfang an verbunden, ja, fast heimisch.
Es ist zum einen die Landschaft. Ihre Weite, ihre Seen, die Wälder, die sanft geschwungenen Hügel. Und vor allem zu Beginn war es eine Zeitreise. Hier wurde noch mit Pferden gepflügt, die Milch in Blecheimern abgeholt. Die staubigen Alleen sind so gut wie verschwunden, baumgesäumte Landstraßen mit Kopfsteinpflaster gibt es noch, wenn auch viel seltener als vor rund 30 Jahren.

Aber es ist auch die wechselvolle Geschichte, die fasziniert. Im 13. Jahrhundert gaben die Prußen dem Land ihren Namen. Es folgte ein Hin und Her, besonders in der Memelregion. Aber zum Mythos wurde das Land nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bewohner hatten fliehen müssen oder wurden vertrieben. Polen, Litauen und die Sowjetunion teilten es untereinander auf und die Region verschwand für Westdeutsche unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang. Dies fachte die Sehnsucht der Geflüchteten und Vertriebenen noch an.
Das ostpreußische Idom ist inzwischen fast völlig verschwunden. Eine kleine Kostprobe gibt es im Film. Und Schriftsteller Arno Surminski hat in „Gruschelke und Engelmanke“ der Sprache ein Denkmal gesetzt.
Älteste filmische Quelle
Im europäischen Abseits gelegen, stammt die älteste filmische Quelle zu Ostpreußen aus dem Jahr 1912. Sie zeigt die Landung des militärischen Prallluftschiffs „Parseval 3“ in der Provinzhauptstadt Königsberg am 6. Juni an der Luftschiffhalle im Villenvorort Klein Amalienau. Nur 15 Sekunden lang ist eine Pathé Wochenschau aus dem Folgejahr, die Kaiser Wilhem II. beim Besuch der Jahrhundertausstellung 1913 in Königsberg zeigt. Erst der Erste Weltkrieg, in dem Ostpreußen als einzige deutsche Region zum Kriegsschauplatz wurde, liefert ab 1914 auch Aufnahmen, in denen die Wochenschauen mit den Kriegswirren auch beiläufig das Land zeigen.
Ostpreußen hat mit den drei Ausnahmen Paul Lange, Erika Puchstein und Kurt Skalden keine Berufsfilmer gekannt. Zu Beginn der 1930er waren sie bereits nach Berlin übersiedelt. Was sie in ihrer damaligen Heimat an Dokumentationen und Kulturfilmen drehten, ermöglicht es, das Leben in den Regionen der Provinz ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre geografisch und sozial breit zu zeigen. (Quelle: Neue Lloyd Filmdistribution)

Amateuraufnahmen
Den Blick lenken vor allem Besucher, die zwischen 1926 und 1943 mit der Amateurkamera in die Provinz reisten. Die älteste Amateuraufnahme stammt von einem Industriellen aus Aschaffenburg. Er filmt 1926 auf 16mm Königsberg und die Samlandküste. Ab dann hat die Sammeltätigkeit drei Dutzend Stunden Film von Amateuren erschlossen.
Das „Ostpreußen – Entschwundene Welt“ zu seinem Thema – die ehemalige preußische Provinz Ostpreußen, bis 1945 das östlichste Deutschland – überhaupt filmisch erzählen kann, ist das Ergebnis einer zwölfjährigen Recherche der Produzenten. Denn in den deutschen staatlichen Archiven gibt es wenig Material. (Quelle: Neue Lloyd Filmdistribution)
Mit Büchern das alte Ostpreußen entdecken
Das Ostpreußen der Vorkriegsjahre gibt es nicht mehr. Es würde auch weitgehend nicht mehr existieren, wäre es nicht durch den Weltkrieg zerstört worden. Kurenkähne gäbe es nur noch im Museum. Und wie Wohlstand und moderne Technik Land und Leute verändern, ist gut in den polnischen Gebieten zu erkennen, die sich nach dem Mauerfall schnell weiterentwickelt haben.
Aber in der Literatur lebt das alte Ostpreußen noch. Die hier aufgeführten Romane und Erzählungen zählen zu jenen, die mich sehr beeindruckt haben. „Jokehnen“ von Arno Surminski war meine erste literarische Begegnung mit Ostpreußen, die schließlich zur ersten Reise nach Masuren führte. Beim Besuch des Memellandes haben mich vor allem Hermann Sudermanns Erzählungen begleitet und „Die Reise nach Tilsit“ bewegt. Aus einigen Büchern sind in der filmischen Dokumentation Zitate angeführt, zum Beispiel von Johannes Bobrowski, mit dessen Nachlass ich in Vilkyskiai eine besondere Begegnung hatte.

Filmvorführungen
- Brake: Centraltheater, 8. Juni, 19 Uhr
- Nordenham: 25., 26. und 27. Juni, Filmpalast
Im Fernsehen
- Bericht aus „buten un binnen“
Buchempfehlungen (Sachbuch)
- „Ostpreußen. Biografie einer Provinz”, Hermann Pölking
- „Ostpreußen. Geschichte und Mythos“, Andreas Kossert
- „Das Memelland“, Hermann Pölking
- „Land der vielen Himmel“, Ulla Lachauer
- „Masuren. Ostpreußens vergessener Süden“, Andreas Kossert
Buchempfehlungen (Romane)
- „Litauische Claviere“, Johannes Bobrowski
- „Gesammelte Gedichte“, Johannes Boborowski
- „Johkehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“, Arno Surminski (und viele weitere seiner Romane)
- „Ostpreußische Lebensläufe“, Ulla Lachauer
- „Paradiesstraße“, Ulla Lachauer
… und mehr
- Johannes Bobrowski (Kurzporträt)
- Die kluge Ilona oder: Wer zum Teufel ist Bobrowski? Bericht vom Besuch in Vilkyskiai
- Reiseberichte über das Memelland
- Reiseberichte Masuren
