Rezension – Julian Voloj, Friedhelm Marx, Magdalena Adomeit: Thomas Mann. 1949

Rückkehr in eine fremde Heimat ◼️

Bewertung: 5 von 5.

Bei all der Fülle von Publikationen über Thomas Mann gibt es immer wieder Werke, die überraschen. Das vorliegende Buch ist so eine Überraschung. Weil es ein Kapitel im Leben des Nobelpreisträgers schildert, das vielen Lesern wahrscheinlich nicht sehr bekannt ist.  Und weil es sich um eine Grafik Novel handelt. 

Verlagsinfo

1929 erhält er den Literaturnobelpreis, 1933 wird er als einer der lautesten Gegner des Nationalsozialismus ins Exil getrieben. Thomas Manns Beziehung zu Deutschland bleibt fortan kompliziert. 1938 emigriert er in die USA, erst 1949 setzt er wieder seinen Fuß auf deutschen Boden: auf Einladung zum Goethe-Jahr in Ost- und Westdeutschland. Seine Deutschlandreise ist das erste international beachtete kulturelle Großereignis nach dem Fall des Nationalsozialismus. Lange hat Thomas Mann gezögert, ob er überhaupt kommen soll. Er reist mit seiner Frau Katia von Frankfurt am Main über Nürnberg und München nach Weimar, hält Reden in beiden Teilen Deutschlands, was seinem Deutschlandbesuch auch politisch höchste Brisanz verleiht. Er wird bejubelt und zugleich kritisiert.

Georges Motschan

1949 besuchte Thomas Mann in Begleitung seiner Frau Katia zwischen dem 24. Juli und 3. August sechs deutsche Städte. Anlass war eine Einladung zum Goethe-Jahr. Zu diesem Zeitpunkt war der Schriftsteller bereits 74 Jahre alt. Die Reise war anstrengend, aber Unterstützung hatte das Ehepaar durch Georges Motschan. Der 29-Jährige war ein großer Verehrer von Thomas Mann. Viel ist über ihn nicht bekannt, auch wenn er über seine Beziehung zu dem Nobelpreisträger ein Buch veröffentlich hat. Die hier gemachten Angaben habe ich aus verschiedenen Quellen im Internet und konnte ihre Richtigkeit nicht einwandfrei überprüfen.

Als Sohn schweizerischer Eltern in Russland geboren, lebte er seit 1924 in der Schweiz und hatte als 16-Jähriger einen Brief an Mann geschrieben. Dieser trug ihm 1937 eine Einladung zum Tee nach Küsnacht ein, wo Familie Mann damals lebte. Später besuchte er den Nobelpreisträger im amerikanischen Exil in Pacific Palisades. Zum Zeitpunkt von Manns Rückkehr nach Deutschland war Motschan ein wohlhabender Industriechemiker. In seinem Buick chauffierte er das Ehepaar Mann als „gentlemandriver“ zu den Stationen ihrer Reise. 

 „Ohne unseren guten Motschan hatten wir es wohl kaum geschafft, man kann den guten Jüngling, der uns ständig mit sorgender Aufmerksamkeit umgab und, bis wir in Frankfurt den Amsterdamer Zug bestiegen (das Flugzeug war ausverkauft und zudem das Wetter schauderhaft) alles abnahm, nicht genug loben.“ 

Katia Mann an Erika Mann, 4.8.49 

In dem Buch „Thomas Mann von nahem erlebt“ schildert Motschan später seine ganz persönlichen Erlebnisse. Diese Erinnerungen sowie Manns Tagebücher, Briefe und Reiseberichte dienen als Grundlage für die Grafic Novel.

Die Graphic Novel 

(Comicroman oder grafischer Roman) ist eine seit den 1980er Jahren populäre und aus den USA übernommene Bezeichnung für Comis im Buchformat, die sich aufgrund ihrer erzählerischen Komplexität häufig an eine erwachsene Zielgruppe richten. Der Terminus stellt den Versuch dar, längere und häufig als thematisch anspruchsvoll beworbene Comics von herkömmlichen westlichen Comicheften und -Alben abzugrenzen, was auch durch den großflächigen Verkauf über den Buchhandel zum Ausdruck kommen soll. (Wikipedia)

Eine Graphic Novel arbeitet anders als ein textreiches Buch, erklärte Friedhelm Marx in einem Publikumsgespräch. „Es kann kein Ersatz sein“, stellte der Literaturwissenschaftler fest. Aber inzwischen sei es schon an der Universität schwierig, seitenreiche Romane wie „Doktor Faustus“ vorzulegen. Graphic Novel-Kunden seien zwischen 24 und 45 Jahren alt. Deutschlands Leser seien in dieser Branche anderen Ländern noch weit hinterher.

Die Autoren

Prof. Dr. Friedhelm Marx ist Vizepräsident der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft, war selbst Stipendiat im Thomas Mann House Los Angeles, und ist Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Bamberg. Der Knesebeck-Verlag brachte ihn mit der Illustratorin Magdalena Adomeit und dem Autor Julian Voloj zusammen.

Julian Voloj wurde in Münster geboren und ist Autor zahlreicher international erfolgreicher Graphic Novels. 

Magdalena Adomeit ist Illustratorin und Reisende. Sie studierte Illustration an der HAW in Hamburg und sammelte zuvor Inspirationen in der weiten Welt.

Fazit

Auch wenn die Zeichnungen nicht unbedingt meinen persönlichen Geschmack treffen, so ist das Buch eine spannende Lektüre, weil es ein mir bisher unbekanntes Kapitel in Manns Leben darstellt und ein deutliches Licht auf das Nachkriegsdeutschland wirft. Sehr erhellend (und bisweilen erschreckend) sind auch die Rückblenden – Momente, die die Brutalität der Geschichte und der Nazis offenbaren.

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