Ein verwilderter Garten. Eine besondere Gemeinschaft. Ein Ort zum Wurzeln schlagen. ◼️

Ein Gartenobjekt, dass das Leben von etlichen Menschen verändert. Darum geht es. Das Zusammenhalt viel bewirken kann. Das Aufgeben keine Perspektive ist. Ein berührendes Buch, denn es spricht viele Themen an: Trauer, Verbitterung, soziale Konflikte, Kampf um ein besseres Leben, Mitmenschlichkeit. Aber es zeigt auch, dass es Hoffnung gibt.
Verlagsinfo
Luisa hat sich aus dem Leben zurückgezogen – sie leidet unter ihrer unerträglichen Chefin, hat ihren Traumjob als Landschaftsarchitektin abgeschrieben und trauert immer noch um ihren Mann, den sie vor vielen Jahren verloren hat. Eines Tages erhält sie ein Angebot, das sie aus ihrem grauen Alltag befreit: In Collaton, einem Küstenort im Nordwesten Englands, soll sie auf einem verwilderten Stück Land einen Gemeinschaftsgarten anlegen, wie sie es sich immer gewünscht hat. Schnell wird Luisa klar, dass sie eine Menge Arbeit erwartet. Nicht nur muss sie das karge Grundstück in einen Garten verwandeln, sondern auch die Anwohner von ihrem Vorhaben überzeugen. Aber Cas und Harper, ein örtlicher Lehrer und sein Schützling, sind ihr eine große Hilfe. Und als die ersten Pflanzen aus dem Boden sprießen, kommen immer mehr Helfer, die Zuflucht im Gemeinschaftsgarten finden. Doch nicht alle Dorfbewohner können sich für das Projekt erwärmen, und auch Luisa zweifelt, ob dieser Neuanfang eine gute Idee war. Sie muss sich entscheiden. Wie will sie ihre Zukunft verbringen – und vor allem: mit wem?
Kann Gartenarbeit Leben verändern?
Die Arbeit im Garten ist für viele Menschen entspannend. Wer kein eigenes Grundstück hat, kann im Schrebergarten werkeln. Oder sich bei einem Gemeinschaftsgarten engagieren.
So einen Garten kann Luisa auf einem verwahrlosten Fabrikgrundstück in einer trostlosen Stadt anlegen, in der viele Bewohner die Hoffnung auf ein besseres Leben aufgegeben haben. Um das Projekt mit Luisas Worten zu beschreiben:
„Wir wollten den Menschen, die bereits in diesen Vierteln leben, etwas bieten. Eine Art Gemeinschaftsgarten. Wir haben geglaubt«, fügte sie mit leicht wehmütigem Lächeln hinzu, »dass Pflanzen Leben verändern können.“
Personen
Die Menschen in diesem Roman sind auf verschiedenste Weise vom Leben gebeutelt. Auch Luisa.
„Es wurde höchste Zeit für eine Veränderung, darüber war Luisa sich im Klaren. Sie war sechsunddreißig, lebte mit ihrer Schwester zusammen und schleppte sich durch die Tage, gebunden an einen Job, der sie im Herzen völlig kaltließ. Sie musste sich eine Wohnung suchen, ein neues Leben beginnen, allein …“
In Collaton trifft sich auf den Lehrer und Boxer Cas, Sohn ungarischer Einwanderer. Er versucht, den Jugendlichen Mut zu machen und eine Perspektive zu geben. Unter anderem der 17-jährigen Harper. Voller Wut und Verzweiflung versucht sie, für sich und ihren kleinen Bruder Max eine Perspektive zu schaffen – und geht dabei bis an ihre psychischen und physischen Grenzen. Diese beiden sind mir besonders ans Herz gewachsen. Ihren Frust, ihre Wut, ihre Verzweiflung – all dies kann man nachempfinden.
Aber es ist kein negatives Buch. Warmherzig und voller Anteilnahme schildert Gosling ihre Protagonisten. So gibt es immer einen Lichtschimmer. Und dann keimt die Hoffnung, genau wie die Blumen. Aber die Menschen müssen noch einmal fest zusammenstehen, um das Projekt zu Ende zu bringen. Das könnte kitschig sein. Ist es aber nicht. Das ist ein großes Plus des Buches.
Der Titel
Wenn mich etwas irritiert hat, dann ist es der Buchtitel. Zum einen: Warum auf Englisch? Zum anderen: Warum ein vergessener Garten? Dieser Garten existierte nicht, er musste neu geschaffen werden. Aber das ist nur eine Kleinigkeit.
Fazit
Ja, es gibt ein Happy End. Aber auf Raten. Das gefällt mir. Mich hat dieses Buch sehr berührt. Die Protagonisten, ihre Gefühle sind liebevoll und warmherzig beschrieben, die trostlose Lebenssituation in dem fiktiven Küstenort spürbar. Ein Buch, das mich in Gedanken noch lange beschäftigt hat.
„Forgotten Garden“, Sharon Gosling
432 Seiten, 13 €, DuMont Buchverlag, VÖ 17. Juni 2024
