Rezension – Georgette Heyer: Die galante Entführung

Bewertung: 5 von 5.

Die Regency-Romane von Georgette Heyer kann ich immer wieder lesen. Diese Geschichte zählt zu jenen, die durch Dialoge und Charaktere besticht. 

Verlagsinfo

Bath, 1816: Die 28-jährige Abby Wendover ist entsetzt. Als sie nach einer mehrwöchigen Reise nach Hause zurückkehrt, muss sie feststellen, dass ihre reizende junge Nichte Fanny von dem attraktiven Taugenichts Stacy Calverleigh umworben wird. Offenbar hat dieser es auf die beträchtliche Mitgift des 17-jährigen Mädchens abgesehen. Abby setzt alles daran, die verliebte Fanny vor Unheil zu bewahren. Doch dann taucht Stacys skandalumwitterter Onkel auf, der einst von seiner Familie gezwungen wurde, England zu verlassen. Miles Calverleigh ist inzwischen zu Geld gekommen – allerdings hält er nicht viel von den feinen Sitten der gehobenen Gesellschaft. Trotzdem kann Abby sich nur schwer seiner geheimnisvollen Aura entziehen und schon bald wird ihr geruhsamer Alltag gehörig durcheinandergebracht.

Spritzige Dialoge

Es sind wieder einmal die witzig-spritzigen Dialoge, durch die sich dieser Roman von Georgette Heyer auszeichnet. Denn Abigail Wendover lebt zwar ein äußerlich angepasstes Leben, aber hat sich eine Unabhängigkeit im Geiste bewahrt. Ihre Eltern hat sie nicht geliebt, auch wenn das die Konventionen vorschreiben. Für ihren biederen Bruder findet sich auch nur wenige gute Worte. Aber diese Meinungen äußert sie höchstens gegenüber ihrer (… Jahre älteren) Schwester Selina, mit der sie zusammenlebt. Und gegenüber ihrer neuen Bekanntschaft, Miles Calverleigh:

„Ich habe mich ständig gegen die mir auferlegten Einschränkungen aufgelehnt. Und oh, wie sehr hasste ich das Wort Anstand! Deshalb wünschte ich mir ja immer, ein Mann zu sein, damit ich dem hätte entkommen können. Wissen Sie, Mädchen können das nicht. Wir sind ständig gefesselt – von Zäunen umgeben…“

Wie schon in anderen Heyer-Romanen ist dies eine Paarung, die nicht so sehr durch sexuelle Anziehung zustande kommt, sondern durch eine Art Seelenverwandtschaft. Endlich ist da jemand, mit dem Abby ihre Späße teilen kann. Und der verbale Schlagabtausch der beiden ist köstlich! Oft habe ich schmunzeln, manchmal lachen müssen.

Konventionen

Die damals geltenden Konventionen sind immer ein Thema in den Heyer-Büchern. Schließlich zwangen sie den damaligen Adel in ein enges Korsett: Die richtige Besuchszeit, die dafür richtige Kleidung, die richtige Art der Begrüßung … als das kommt auch hier immer wieder (fast auf beiläufige Art) zur Sprache. Als Abby allein mit Miles (ohne weitere Begleitung) eine Theateraufführung besucht, ist das in Augen vieler ein Fauxpas. Aber mit 28 Jahren ist Abby schon eine alte Jungfer und fühlt ich nicht mehr an die strengen Regeln gebunden, die für junge Mädchen gelten.

So wie für ihre 17-jährige Nichte Fanny. Die darf zwar auch mal nur mit Freunden ausreiten. Aber lediglich in Bath. Für London gelten andere Regeln. Fanny ist bis über beide Ohren verliebt. In einen gänzlich unpassenden Bewerber. Auch ein Story-Bestandteil, der immer mal wieder in den Heyer-Geschichten auftaucht. Doch das Besondere an ihren Büchern: Sie versteht es, diese Bestandteile immer wieder neu und interessant zu kombinieren.

Übrigens:

„Tante Mary ist wie ein herrlich weiches Kissen, das man in jede gewünschte Form zurechtdrücken kann.“ Der Vergleich mit einem Kissen für eine formbare und nachgiebige Dame hat Heyer schon in „Venetia und der Wüstling verwendet“. Es ist mir aufgefallen, weil ich ihn so passend finde.

Schönheitsideal

Immer mal wieder zur Sprache kommt auch das damalige Schönheitsideal. Dem die Heyer-Heldinnen nicht unbedingt entsprechen. Sie bestechen durch ihren Charakter.

„Das Gesicht unter dem Hut war weder das eines Mädchens in seiner ersten Blüte noch das einer anerkannten Schönheit. Es besaß jedoch einen undefinierbaren Zauber, der vor allem in den Augen und dem scheuen Lachen lag, das in ihnen lauerte. Sie waren grau und sehr klug. Die Gesichtszüge waren nicht bemerkenswert, denn der Mund war zu groß, um schön zu sein, die Nase vom klassischen Ideal weit entfernt und das Kinn fast etwas zu energisch. Das Haar war weder dunkel, wie es zur Zeit gefragt war, noch engelhaft blond, sondern von einem sanften Braun.“

Für die neue Rowohlt-Ausgabe hatte ebenfalls Eva Kausche-Kongsbak
die Cover gestaltet. Jedoch in frischerem Stil. Allerdings griff sie die
Motive der 74er Cover auf.

Die Charaktere

Die Paarung Tante – Nichte ist nicht ungewöhnlich bei Heyer. Allerdings gesellt sich dieses Mal

Onkel – Neffe dazu. Wobei sowohl Onkel als auch Neffe die schwarzen Schafe ihrer Familie sind – so erklärt sich der Originaltitel „Black Sheep“ (Schwarzes Schaf).

Sind es manchmal die unkonventionellen Heyer-Heldinnen, die für das Zustandekommen der Verbindung sorgen („Venetia und der Wüstling“), so ist es in diesem Fall der sehr bestimmt handelnde Mann. Der übrigens in doppelter Hinsicht für ein gutes Ende der Geschichte sorgt – aber mehr wird hier nicht verraten.

Fazit

Die unkonventionelle Heldin ist sehr sympathisch, die Dialoge köstlich. Allerbeste Unterhaltung mit sehr gut dargestelltem Regency-Lebensgefühl.

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