Eine Dreierbeziehung und Affäre, die europaweit für Aufsehen sorgte

Dänemark im 18. Jahrhundert: Einsame Königin liebt revolutionären Arzt ◼️

Sie ritt in Männerkleidung, war verheiratet mit einem psychisch labilen König und liebte einen revolutionären Arzt: die dänische Königin Caroline Mathilde. Es war ein kurzes Leben, dessen Ende Aufsehen erregte. Denn die Königin und Struensee wollten den dänischen Staat im Sinne der Aufklärung verändern – und scheiterten tragisch. Die Struensee-Affäre war einer der größten politischen Skandale des 18. Jahrhundert. Sie bietet Stoff für zahlreiche Romane, etliche Filme und Ausstellungen. 2025 jährt sich der Todestag der unglücklichen Königin zum 250. Mal. Er wird in der Stadt Celle mit einer Sonderausstellung und zahlreichen Veranstaltungen gedacht.

Zeitreise in Celle

Es ist nicht zu übersehen. Großformatige Fotoplakate in den Straßen zeigen Caronline Mathilde. Nicht die damalige, sondern eine heutige, in Szene gesetzt von dem Celler Fotografen Roman Thomas. Schon der Weg vom Parkhaus zum Schloss versetzt einen in Zeitreise-Stimmung. Ein Fachwerkhaus reiht sich an das andere. Dann öffnet sich die Stechbahn und der Blick fällt auf das Schloss, heute Museum. Beim Betreten des Geländes kommt es zum Gedränge mit einer Gruppe: es sind Dänen. Das dänische Königshaus hat den Skandal um ihre verliebte Königin angeblich jahrelang nicht erwähnt. Caroline Mathilde wurde als einzige dänische Königin auch nicht in Dänemark bestattet, sondern in der Fürstengruft der Celler Stadtkirche.

Zum 250. Jubiläum von Caroline Mathilde beleuchtete die Sommerausstellung des BBK Celle das Leben und Wirken der Königin von Dänemark. Unter dem Titel #Caro setzten sich Künstler und Künstlerinnen der Region mit ihrer Geschichte auseinander und übertrugen sie in einen zeitgenössischen Kontext. Die Fotos von Roman Thomas sind in der Innenstadt noch gegenwärtig, ebenso in den Caroline-Mathilde-Räumen im Celler Schloss. 

Carolines Kindheit: Viel Natur, kein Zeremoniell

Das Mädchen, das am 22. Juli 1751 in Leicester House in London das Licht der Welt erblickt, ist das neunte Kind von Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg und Friedrich Ludwig von Hannover, dem Prinzen of Wales, der zu diesem Zeitpunkt allerdings schon vier Monate tot ist. Neuer Thronfolger wird ihr Bruder Georg. Die Witwe (Carolines Mutter) lebt sehr zurückgezogen – unter anderem in Kew an der Themse. Hier legt sie Gärten an, die später als Kew Gardens weltberühmt werden. Auch das Mädchen gärtnert und lebt ein naturnahes Leben, weitab vom Hof. Dennoch erhält sie eine solide Ausbildung, spricht Französisch, Deutsch und Italienisch. Und – ungewöhnlich für die meisten Frauen ihrer Zeit – liest sie sehr viel.

Mit 13 Jahren wird sie mit dem dänischen König Christian VII. verlobt. Ohne ihr Wissen. Heiraten waren in den Königs- und Fürstenhäusern keine Frage der Liebe, sondern politische Mittel zur Festigung der Macht. Am 1. Oktober 1766 heiratet sie – „per procurationem“. Der König und Bräutigam ist nicht anwesend und wird durch Carolines Bruder Edward vertreten. Auch nicht ungewöhnlich zur damaligen Zeit. 

Cottage in Kew Garden. Es wurde von Caroline Mathildes Schwägerin,
Königin Charlotte, persönlich gestaltet.

Der König: Krank und an seiner Frau nicht interessiert

Ungewöhnlicher ist schon die Tatsache, dass der König nicht gesund ist. Woran er genau leidet, weiß man bis heute nicht. Erwiesen ist jedoch, dass er von Graf Detlev von Reventlow streng erzogen wurde, Schläge waren keine Seltenheit. Der intelligente Junge zeigt wohl schon früh Anzeichen von Geisteskrankheit. Als der 17-Jährige heiratet, ist er an einer Ehe nicht interessiert, ebenso wenig wie an den Regierungsgeschäften, die in der Hand des dänisch-deutschen Adels liegen. Seiner jungen Frau begegnet er abweisend, er vergnügt sich lieber mit seiner sado-masochistischen Geliebten Anna Cathrine Benthagen. Und er liebt Maskenbälle. Denn hinter den Masken ist er frei. Manchmal wechselt er sie drei Mal im Laufe eines Festes.

Dennoch wird am 28. Januar 1768 auf Schloss Christiansborg ein Thronfolger geboren: Frederik.

Johann Friedrich Struensee: Arzt, Aufklärer, Frauenheld

Er sieht gut aus, dieser deutsche Arzt. Geboren am 5. August 1737 als Sohn eines Generalsuperindententen*, studiert er Medizin, geht nach Altona. Die Stadt gehört damals zu Dänemark. Struensee ist ein Anhänger der Aufklärung – Naturwissenschaften gewinnen an Bedeutung, unter anderem wird die Abschaffung der Sklaverei gefordert – und verbreitet entsprechende Schriften. Als Arzt praktiziert er neue Methoden, befasste sich mit den hygienischen Bedingungen in Armenvierteln und Geisteskrankheiten. 

Als König Christian 1767 eine Europareise unternimmt und seine Zustände immer unberechenbarer werden, wird Struensee sein Leibarzt. Es gelingt ihm, das Vertrauen des jungen Mannes zu gewinnen und seinen Zustand zu stabilisieren. Der König bittet ihn, mit nach Kopenhagen zu kommen. Und dort, sich um seine einsame Frau zu kümmern.

Die Affäre

Carolina Mathilde fühlt sich nicht wohl am dänischen Hof. Zu viel Zeremoniell. Und auf ein höfisch-intrigantes Leben ist sie nicht vorbereitet. Sie hat keine Vertrauten (ihr englisches Personal musste sie vor der Einreise nach Dänemark verlassen), keine Aufgaben. Mit Struensee will sie zunächst nichts zu tun haben. Aber der Arzt kümmert sich auch um den kränklichen Thronfolger. Und dann auch um Caroline Mathilde. Laut damaligen Augenzeugenberichten war er ein Frauenheld. Aber er erkennt auch, woran die Königin leidet: an Langeweile und einer postnatalen Depression.

Wer ist hier der König? Richtig, der Mann rechts im Sessel, der Caroline Mathilde mit ihrer Tochter und Struensee beobachtet. Gemälde von Kristian Zahrtmann.

Reiten als Therapie

Als Therapie empfiehlt Struensee Ausritte. Die unternimmt Caroline Mathilde bald mit ihm gemeinsam. Dabei reitet sie im Herrensattel – unerhört! Sie trägt dazu auch Männerhosen. Skandal! Was für uns heute ganz normal ist, war galt vor gut 250 Jahren schlicht als unmoralisch. Bald war für die Bediensteten am Hofe ersichtlich, dass die Königin den Arzt in ihren Gemächern empfing – nachts. Den König stört es nicht. Im Gegenteil, es entsteht eine vertrauliche Menage-a-trois.

Caroline Mathilde in der Uniform ihres Leibregiments.
Gemälde von Peder Als, Öl auf Leinwand, 1770. Privatbesitz

Tochter und Politik

Am 7. Juli 1771 wird Prinzessin Louise Augusta geboren. Der König erkennt sie als seine Tochter an. Doch genannt wird sie „die kleine Struensee“. Das hätten Hof und Gesellschaft vielleicht noch weiter toleriert. Doch Struensee und Caroline Mathilde wollen das aufklärerische Gedankengut umsetzen. Struensee gelingt dies nächst, indem er den König dafür begeistert. Doch die Politik langweilt den schon bald. So ernennt er am 15. Juli 1771 Struensee zum Geheimen Kabinettsminister und stattet ihn mit einer Generalvollmacht aus. Nun kann der Arzt aus Altona dirket agieren. Innerhalb von 16 Monaten erlässt er 633 Dekrete – darunter gibt er dem Volk die Pressefreiheit. Die neuen Gesetze sind dem bisher regierenden Adel ein Dorn im Auge. Die Pressefreiheit macht es möglich: Flugblätter werden verbreitet, die Struensee und die Königin diffamieren.

Tödliche Tragik

Die Gegner Struensees werden aktiv. Am 17. Januar 1772 wird er um 4 Uhr morgens festgenommen und im Kastell von Kopenhagen festgesetzt. Auch die Königin wird verhaftet. Es folgt ein Scheinprozess, bei dem der Arzt keine gute Figur macht und der mit der Hinrichtung des Aufklärers und Reformers endet. Für Caroline Mathilde setzt sich ihr Bruder, der englische König ein. Sie bleibt am Leben, wird aber ins Exil geschickt.

Flugblatt: Caroline Mathilde nimmt auf Kronburg Abschied von ihren Kindern. © Ausstellung Celle

Das Ende

Im leerstehenden Schloss in Celle wird für die 20-Jährige eine Residenz errichtet. Nach Celle und Hannover bestehen verwandtschaftliche Beziehungen des englischen Königshauses **. Bereits drei Jahre später stirbt sie. Wahrscheinlich hat sie sich bei einer Scharlach-Epidemie angesteckt. Ihre Kinder hat Caroline Mathilde nie wieder gesehen.

Dies ist eine sehr knappe Darstellung der Ereignisse. Wer mehr erfahren möchte, dem sei die Biografie von Carolin Philipps empfohlen und die sehr gute Ausstellung in Celle, am besten mit einer Führung.

*leitender geistlicher Amtsträger der evangelischen Kirche 

**das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg wird von Georg III. in Personalunion mit Großbritannien regiert

Fotos: Sabine Sopha, Gemälde aus der Ausstellung im Celler Schloss

Bücher

> Carolin Philipps: Zwischen Krone und Leidenschaft (Biografie)

>  Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes (Roman)

>  Maria Helleberg: „Und sei es bis zur Hölle“ (Roman)

>  Norah Lofts: Der Geliebte der Königin (Roman)

>  Struensee – Der Fall. Diffamierung und Sturz eines Reformers 1772 (Ausstellungschrift)

>  Caroline Mathilde, Königin. 2025 – 1775. London – Kopenhagen – Celle (Katalog zur aktuellen Ausstellung)

Ausstellung im Celler Schloss

Infos Ausstellung

  • Öffentliche Führungen durch die Sonderausstellung:

Donnerstags, 14.30 Uhr

Sonntags, 12 Uhr

  • Öffentliche Kostümführungen durch die Caroline-Mathilde-Räume:

Sonnabends, 12 Uhr

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