Rezension – Kerstin Busching: MeerMutFrauen

Bewertung: 4.5 von 5.

Es gibt viel zu wenige Bücher, in denen gestandene Frauen im Mittelpunkt stehen. Noch dazu nicht als arme, verlassene Frau. „Silver Ager“ nennt Kerstin Busching jene Frauen, die schon viel erlebt haben, aber keineswegs alt und verbraucht sind. So wie Louise und ihre Freundinnen. Endlich ein Roman für Frauen mit Lebenserfahrung. Und der noch dazu Mut macht, sein Leben in die Hand zu nehmen. Ein Porträt von Kerstin Busching findet ihr übrigens in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „LandGang“ (Ausgabe September/Oktober 2025).

Verlagsinfo

Eine bewegende Geschichte über tiefe Frauenfreundschaft und den Mut das Leben zu meistern. Louise möchte an die Liebe glauben. Das ändert sich schlagartig, als ihr Mann mit Mitte 50 die Arbeitswelt hinter sich lässt. Von nun an wird Paul bis zum Ende seines oder ihres Lebens mit auf dem Sofa sitzen. Louise droht zu ersticken. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie sich nicht vorstellen, jemals neidvoll auf ihre Witwenfreundinnen zu blicken. Für derartige Gedanken rächt sich das Schicksal auf seine Weise. Louise erkrankt. Sie ist gezwungen ihre Situation zu überdenken und sich der Frage zu stellen: Bin ich mutig genug, um glücklich zu sein? Ihre Freundinnen Ella, Marlene und Hedda stärken sie mit dem nötigen Rückenwind, obwohl sie mit ihren eigenen Stürmen zu kämpfen haben …

Das Buch

Oh ja, es ist sehr gut beschrieben. Diese Situation, wenn der Mann plötzlich den ganzen Tag zu Hause ist und Aufmerksamkeit verlangt. Frauen, deren Männer in Rente gegangen sind, werden diese Situation kennen. Und nicht alle werden froh sein. So wie Louise.

„Kein Urlaub, keine Krankheit, sondern Realität: Paul ist von nun an immer da.“

Aber Paul ist auch ein besonders harter Brocken, denn er ist ein Narzisst, wie er im Buche steht. Bei ihm dreht sich alles in erster Linie um sich selbst, auch in zweiter. Aber nach außen kann er sehr charmant sein – und auf diese Weise viele Menschen blenden. Das ist es, was es so schwierig macht, narzisstische Männer auf Anhieb zu erkennen.

Louise erträgt die verbalen Attacken und Herabwürdigungen ihres Mannes sehr geduldig. Manchmal möchte man sie schütteln. Doch das übernehmen schon ihre Freundinnen. Sie sagen ihr die Meinung, drängen sie allerdings nie. Nach dem Motto: Louise ist eine erwachsene Frau und für sich selbst verantwortlich. 

Die Freundinnen sind Halt und Lichtblick in Louises Leben, ebenso wie ihr schwuler Freund Michel.  Wer solche Menschen als Unterstützung hat, kann sich sehr, sehr glücklich schätzen.

Aber nicht missverstehen. Auch diese Frauen haben Ecken und Kanten. Es herrscht keineswegs rosarote Welt. Genau das ist das Schöne: Trotz aller Widrigkeiten halten die vier Frauen zusammen.

Ella – die Macherin, Gynäkologin, die helfend in der Welt unterwegs ist und One-Night-Stands bevorzugt.

„Ihre medizinischen Fähigkeiten lebt sie in ihrer Praxis aus und dann auch nur mit Frauen und deren Anliegen. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb sie Gynäkologin geworden ist. Gelebter Feminismus! Für Ella gibt es keinen Grund, ihr Herz an einen Kerl zu verschleudern.“

Marlene – trauert um ihre Frau Nora, mit der zusammen sie zwei Söhne großgezogen hat

Hedda – die kräftig berlinert, nach dem Motto: große Schnauze, großes Herz. Sie hat ihren 26 Jahre älteren Ehemann begraben und an der Schlei ein Café eröffnet. 

„Naja, mein Glück begann mit dem Ende seiner Tage! Genau genommen, an dem Tag, als Helmut vom Apfelbaum geflogen is. Ick weiß nich, ob und wie lange dit sonst noch gut gegangen wär.“

 Und dann Louise. Dekorateurin, sie sich gerne mit schönen Dingen umgibt, eine Frau mit reichlich 

„erotischer Nutzfläche“ und viele Geduld mit ihren Mitmenschen.

Die Schicki-Micki-Szene bekommt ihr Fett weg, genauso wie Schwiegermutter Inge (stellvertretend für alle Mütter, die ihren Sohn unberechtigterweise vergöttern). Die Freundinnen kritisieren den Jugendwahn, Beschneidung in Afrika und andere aktuelle Themen. Das sind zahlreiche unterschiedliche Punkte, aber Kerstin Busching hat es geschafft, sie so locker einzustreuen in die Gespräche der Freundinnen, dass es sich ganz natürlich in den Fluss des Buches einpasst. Überhaupt: die lockeren Dialoge und ernsten Gespräche lesen sich, als wenn man mitten zwischen den Frauen sitzen würde. 

Örtlich ist das Buch zwischen Lüneburg und der Schlei angesiedelt. In Lüneburg lebt Kerstin Busching mit ihrem Mann, der übrigens das wunderbare Cover gestaltet hat. Die Schlei-Region ist Wohlfühl- und Sehnsuchts-Ort für das Paar.

Fazit

Ein tolles Buch, prall und real wie das Leben. Allerdings gibt es da nicht immer ein Happy End. Darum ein halber Stern Abzug. Und weil ich mit der berlinernden Hedda nicht so richtig warm geworden bin. Aber ein echter Mutmach-Roman und ein bemerkenswertes Debüt, das ich gerne weiterempfehle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen