
Nachbarn kann man sich nicht aussuchen. Meistens jedenfalls. Ella Danz ist bekannt für ihre Angermüller-Krimis, die in und um Lübeck spielen. Aber sie wohnt in Berlin. So hat sie sich in einer Kreuzberger Straße umgeschaut, in der „alle Wohnhäuser vier Stockwerke und exakt die Berliner Traufhöhe von 22 Metern“ haben. Ein typisches Mietshaus also. Und der Blick hinter die Fassade erweist sich als faszinierend, denn vieles ist nicht so, wie es scheint. ◼️
Verlagsinfo
Vier Frauen, zufällige Nachbarinnen in einem Mietshaus: Jenny, die unbedingt schwanger werden will, Tanja, die ihre drei Kinder größtenteils allein erzieht, Vera, deren Sorgenkind ihr behinderter Mann ist, und Frederike, die sich aufopfernd um ihren kränkelnden Sohn kümmert. Jede sucht nach Gemeinsamkeiten oder aber nach den Rissen in der heilen Fassade des Lebens und der Liebe nebenan. Als die Umstände die Schicksale der Frauen enger verknüpfen, treten unerwartete Abgründe zutage und es kommt zu dramatischen Ereignissen.
Vier unterschiedliche Leben
Jede Frau schildert ihr Leben selbst. So gibt es in jedem Kapitel vier unterschiedliche Abschnitte. Das ist okay, aber ich habe eine Weile gebraucht, bis jede Frau ein „Gesicht“ hatte und ich sie tatsächlich auseinanderhalten konnte.
Vera
Am besten gelang mir das bei Vera. Aber das liegt sicher daran, dass mir ihre Lebenssituation am nächsten ist. Vera ist im Rentenalter. Und sie pflegt ihren Mann.
„Als Reinhold aus der Reha nach Hause kam, war mein einziger Gedanke, ihm noch ein paar schöne Jahre zu bereiten. Das will ich immer noch. Aber inzwischen frage ich mich, wie viele Jahre das sein werden und wie lange ich meinen Vorsatz noch durchhalten kann? Mein Nervenkostüm ist schon nach drei Jahren ziemlich ramponiert. Doch man gewöhnt sich an alles, und zum Glück kann ich die meisten seiner Beschwerden inzwischen einfach überhören.“
Tanja
Sehr sympathisch war mir Tanja. Sie will das Beste für ihren Lebensgefährten, einen Musiker. Auch wenn es für sie Einschränkungen bedeutet. Dennoch verliert sie ihr Lebensziel nicht aus den Augen – ein Medizinstudium.
„Natürlich ist doof, dass er noch nicht sagen kann, wann er zurückkommt. Die ganze Zeit im Café hab ich überlegt, wie ich es organisiert bekomme mit dem Job und den Kindern. Aber das klappt schon. “
Jenny
Ein bisschen nervig ist Jenny. Sie ist vollkommen auf ihren Kinderwunsch fixiert. Eine Situation, die wohl viele Frauen kennen, die sich Nachwuchs wünschen. Frederike findet keine guten Worte für sie:
„Jenny gehört zu den Menschen, die mir allein durch ihr Äußeres unangenehm sind: Ihre konturlose Figur, die glänzende Gesichtshaut, das dünne, meist etwas strähnige Haar, ihre geschmacklose Garderobe. […] Und ihre Tischmanieren sind unterirdisch. Sie isst nicht, sie stopft in sich hinein. Gleich zu Beginn hat sie sich dieses Schlabberteil bekleckert, in dem sie erschienen war. Außerdem spricht sie mit vollem Mund, was so was von unappetitlich ist!“
Frederike
Sie ist eine Tochter aus gutem Hause. Nur ihrem Tagebuch vertraut sie ihre Gedanken an. Von Anfang an beschleicht einen der Verdacht, dass es mit den Krankheiten ihres Sohnes nicht mit rechten Dingen zugeht. Und Frederike kämpft mit den Dämonen ihrer Vergangenheit. Aber auch in ihrer Beziehung mit Thomas ist sie nicht glücklich.
„Vorhin hat er mir allen Ernstes vorgeschlagen, ich solle mir einen Fulltimejob suchen, und er bleibt daheim und kümmert sich um Frederic. Ich bin nicht darauf eingegangen, denn wahrscheinlich glaubt er nur, er könnte dann den ganzen Tag seine Bilder malen. Und ganz ehrlich: Ich traue ihm den Rollentausch einfach nicht zu. Die Kinderbetreuung würde ihn bestimmt genauso überfordern wie sein Job.“
Es ist nicht so, dass sich die Frauen alle mögen oder verstehen. Eben wie im wirklichen Leben. Dieser Realitätsbezug ist ein großer Pluspunkt des Buches, wodurch ein wenig Spannung entsteht.
Wie schon erwähnt, war für mich besonders die Lebenssituation von Vera nachvollziehbar. Sie und ihre Freundinnen müssen sich damit arrangieren, dass die Männer nach und nach in den Ruhestand gehen – und dann den ganzen Tag zu Hause hocken.
Fazit
Ein eher ruhiges Buch, stellenweise berührend. Wenn man Geschichten über Frauen mag, ist man hier richtig.
„Nachbarinnen“, Ella Danz
320 Seiten, 18 Euro, Gemeiner, VÖ 11. September 2024
