Rezension – Henning Sußebach: Anna oder Was von einem Leben bleibt

Bewertung: 5 von 5.

Ja, was bleibt von einem Leben? Kinder, Enkel. Vielleicht ein Haus. Eventuell  Tagebuchaufzeichnungen. Kennen wir die Geschichte unserer Urgroßeltern oder Großeltern? Oftmals ist das nicht der Fall. Es wurde nichts erzählt. Wir haben nicht nachgefragt. Die Geschichte von Henning Sußebachs Urgroßmutter Anna gibt es auch nur, weil der Enkel (Journalist) sich auf Spurensuche begeben hat.

Verlagsinfo

1887, tief im Sauerland. Eine junge Frau kommt den Weg hinauf ins Dorf Cobbenrode. Dort soll Anna Kalthoff die neue Lehrerin werden. Doch sie wird es nicht bleiben. Denn Anna widersetzt sich bald den Erwartungen des Ortes und den Regeln ihrer Zeit. Sie entscheidet selbst, was sie zu tun und zu lassen hat, wie sie leben und wen sie lieben will. Zwei Jahrhunderte später rekonstruiert der Urenkel Annas inspirierendes Leben und rettet so die Geschichte einer selbstbewussten Frau vor dem Vergessen. Sein Buch ist eine zauberhafte Annäherung an die Vorfahren, ohne deren Entscheidungen und Mut es uns nicht gäbe. 
Einige Fotos, Poesiealben, Postkarten, ein Kaffeeservice, ein Verlobungsring: Viel mehr stand Henning Sußebach nicht zur Verfügung, als er sich auf die Spuren seiner Urgroßmutter Anna begab. Nach einem Jahr der Suche fügte sich ein Bild: Da hat eine scheinbar gewöhnliche Frau ein außergewöhnliches Leben geführt, gegen allerlei Widerstände. Anna nahm sich, was sie vom Leben wollte. Männer, Arbeit, Freiheit! Diesem Willen hat der Autor seine Existenz zu verdanken.

Die junge Anna. ©️ Sußebach

Ein Frauenleben

Anna Kalthoff erblickt am 29. April 1866 in dem Örtchen Horn als fünftes Kind von Schankwirt Friedrich Kalthoff und seiner Frau Francisca Theodora das Licht der Welt. Es werden danach noch vier weitere Kinder geboren, nicht alle überleben.

Als Anna zwölf Jahre alt ist, stirbt der Vater. Die Mutter ist 47 Jahre alt. Die Zukunftsaussichten sind nicht rosig: Heirat, Dienstmädchen oder Tante im Haushalt der Schwester. Doch es gibt eine weitere Option. Es werden Lehrer und Lehrerinnen gebraucht. 1887 ist Anna 20 Jahre alt, als sie ihren Dienst als Lehrerin im sauerländischen Dorf Cobbenrode antritt. Hier wird sie bleiben.

Ihr Nachlass ist winzig. Nur einige Fotos, zwei Poesiealben aus ihrer Jugend, einige Notizbücher, wenige Briefe und Dokumente, ein Kaffeeservice, ein Sticktuch und ein Verlobungsring haben es in die Gegenwart geschafft. Dazu eine Legende, die längst voller Lücken ist.

Annas Gedanken und Gefühle sind nicht überliefert. Aber das Buch ist kein Roman, doch auch keine herkömmliche Biografie. Henning Sußebach füllt das Vakuum der nichtvorhandenen Überlieferungen auf geschickte Weise aus. Zu bestimmten Zeitpunkten blickt er nicht nach Cobbenrode, sondern listet auf, was sich in der Welt ereignet.

Beispiel 1887

·       In Kiel legt Kaiser Wilhelm I. den Grundstein für einen Kanal, der Nord- und Ostsee verbinden soll.

·       In Paris wächst ein eisernes Monstrum über den Himmel der Stadt.

·       In den Vereinigten Staaten von Amerika meldet ein Einwanderer namens

·       Emil Berliner ein Gerät zur Aufzeichnung und Wiedergabe von Tönen zum Patent an und nennt es Grammophon.

In der Schweiz entwirft der Unternehmer Julius Maggi eine Flasche für industriell gefertigte Suppenwürze.

Das ist sehr gelungen. So wird deutlich, wie klein das Lebensumfeld für Anna ist. Von den wenigsten Vorgängen weiß sie etwas. Doch sie haben Einfluss auf das Leben der Menschen damals und später. Zum anderen hilft es dem Leser, die Lebensumstände von Anna einzuordnen.

Anna und ihre Kinder. ©️ Sußebach

Nicht ganz so gelungen habe ich Sußebachs Einschätzungen empfunden, wie Anna einige Entwicklungen beurteilt haben könnte. Beispielsweise das Frauenwahlrecht. Wie Anna dies bewertet haben wird, das sind wirklich Mutmaßungen und aus dem heutigen Blickwinkel betrachtet.

Wenn wir heute über Veränderungen klagen, so hätte Anna allen Grund dazu gehabt. „Sie war Bürgerin von vier Staaten. Königreich Preußen, Norddeutscher Bund, Deutsches Kaiserreich, Weimarer Republik. Sie durchlebte Währungsreformen, Börsencrashs und Inflation.“

Vor allem: Anna packt an, schert sich nicht um die Meinungen anderer. So heiratet sie in zweiter Ehe einen jüngeren Mann. War so etwas außergewöhnlich? Sicher. Oder auch nicht. Über zahlreiche Lebensumstände unserer Vorfahren wissen wir nur ungenau Bescheid, wissen nur das, was einige wenige schriftlich überliefert haben.

Henning Sußebach vor dem Gasthof in Cobbenrode. ©️Sußebach

Fazit

Keine Adelige, keine höhere Tochter – sondern eine Frau aus einfachen Verhältnissen. So wie wahrscheinlich die Urgroßmütter von den meisten Leserinnen und Lesern. Einmal ein ganz normales Leben aufzuarbeiten, das ist eine hervorragende Idee. Ein Buch für alle, die gerne mehr über das Leben damals erfahren möchten.

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