Das Geheimnis vom Elbhang ◼️

Geheimnis. Garten. Elbe. Das sind Stichworte, die neugierig machen. Autorin Karin Baron lebt in Blankenese. Bekannt ist sie für ihre Kinderbücher. Aber mit Flora, der biestigen alten Dame, ist ihr eine eigenwillige Frauengestalt gelungen, die Charakter hat. Kombiniert mit den übrigen Zutaten ergibt dies einen äußerst lesenswerten Roman. ◼️
Verlagsinfo
Eine Villa in Blankenese über der Elbe, eine als wunderlich verrufene alte Dame, die hier wohnt, wie es ihr gefällt, und der Mops Schmeling – das sind einige Akteure dieses Romans der unerwarteten Wendungen. Als die tatkräftige Nachbarin Alex gerüchteweise von der zunehmenden Hinfälligkeit der Hausbesitzerin hört, startet sie ein überraschendes Revitalisierungsprogramm. Doch damit setzt sie viel mehr in Gang als gedacht. Denn Flora Perleberg denkt gar nicht daran, kürzerzutreten. Im Gegenteil: Je herausfordernder ihr Alltag wird, desto größer wird für sie die Dringlichkeit, endlich das große Geheimnis ihres Lebens freizugeben. Einmal angestoßen, lassen sich die Erinnerungen nicht mehr aufhalten.
Vier Frauen, die zusammenhalten
Flora Perleberg denkt gar nicht daran, sich anzupassen. Sie trägt ausgefallene Kleidung und sie „pflegt nicht nur exzentrische Marotten und ihren Mops Schmeling, sondern auch ein Geheimnis“, so Autorin Karin Baron über ihre Protagonistin. Dass die alte Dame in einer großen Villa an der Elbe lebt und außerdem Geld wie Heu haben soll, weckt Begehrlichkeiten. Ein schmieriges Erbschleicherpaar glaubt, hier leichtes Spiel zu haben. Doch die haben nicht mit der Nachbarin Alex gerechnet.
Es sind vor allem Frauen, die in diesem Roman das Sagen haben. Die Männer sind Randerscheinungen.
- Nachbarin Alexandra (Alex) ist freiberufliche Innenarchitektin, eigentlich genervt von der alten Nachbarin, von ihren Teenie-Kindern und leidet immer noch unter ihrer Mutter.
- Grit, die Freundin von Alex, braucht nach der Trennung von ihrem Mann ein neues Dach über dem Kopf und einen Job. Alex vermittelt sie als „Aufpasserin“ an Flora.
- Die französische Studentin Claire sucht ein Zimmer und zieht in der Villa ein.
Wenn die Frauen glauben, dass Flora ihre Aktion nicht bemerkt, irren sie sich. „Du glaubst, ich merke es nicht, wenn du mich behandelst wie eine harmlose alte Närrin. Aber Vorsicht! Weder bin ich harmlos, noch eine Närrin. Unterschätzen darfst du mich allerdings gern,“ merkt Flora in Gedanken zu Alex an.
Welches Geheimnis hütet Flora?
„Wer weiß, hätten wir ein Leben gehabt, ein ganzes und nicht dieses verstümmelte, diesen Appetithappen, amuse-gueule, wie die Franzosen sagen, vielleicht wäre er mir auf die Nerven gegangen, am Ende. So aber haben wir uns nur gestreift. Gleich einem warmen Windhauch in lausigen Zeiten. Einem, der mich auch heute noch manchmal wärmt und mit Sehnsucht umhüllt wie eine Stola aus Mohair, kratzig und behaglich zugleich. Zwei Jahre hatten wir zusammen. Nur zwei. Warum? Ist das gerecht – ein Dreiundvierzigstel meines Lebens?“
Im Buch werden mehrfach die Perspektiven gewechselt. So werden immer wieder Passagen aus der Sicht von Flora geschildert, die seit vielen Jahren ein Geheimnis hütet – dem ihre neuen Freundinnen und die Leser allerdings nur ganz langsam auf die Spur kommen. Das erzeugt eine gewissen Spannung. Auf diese Weise erfahren Leserinnen und Leser noch Details über Hamburger während des Zweites Weltkrieges und während der Nachkriegszeit. Floras Geheimnis ist ganz anders, als man vermutet, und führt am Ende zu einer unerwarteten Wendung.
Die Autorin
Karin Baron ist eine bekannte Kinderbuchautorin (Jahrgang 1958), von der ich offen gestanden zuvor noch nichts gehört hatte. Aber nun habe ich keine Kinder und lese selten Kinderbücher. Karin Baron lebt wie Flora in Blankenese und hat einen Garten. Sie kennt also die Gegebenheiten vor Ort genau. Von diesem Buch sagt sie: „Ausnahmsweise. Aber vielleicht ist es auch nur ein Anfang? Villa Flora, mein erster Roman für Erwachsene.“
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Fazit
Vergnügen bereiten Karin Barons Formulierungen, die manchmal salopp sind, aber immer sehr treffend. Ein Buch mit Tiefgang und wunderbaren Protagonistinnen. Wer eigenwillige Frauencharaktere mag, wird an dieser Lektüre Gefallen finden.
„Villa Flora“, Karin Baron
232 Seiten, 19.95 Euro, Ellert & Richter, VÖ 2. September 2024
