Rezension – Kristin Valla: Ein Raum zum Schreiben

Bewertung: 4.5 von 5.

Wie und wo Frauen ihre Bücher schreiben, interessiert mich seit vielen Jahren. Darum auch dieses Buch. Es ist einerseits sehr persönlich, und schildert Kristin Vallas Suche nach einem Schreibraum. Anderseits erzählt es von zahlreichen bekannten Frauen und ihren Orten der Inspiration. ◼️

Verlagsinfo

Obwohl sie mit dreißig mehrere international beachtete Romane veröffentlicht hat, stellt Kristin Valla mit Anfang vierzig fest, dass niemand – nicht einmal sie selbst – sie noch als Schriftstellerin betrachtet. Inzwischen ist sie Mutter geworden, ihr ehemaliges Arbeitszimmer in der kleinen Osloer Wohnung zum Kinderzimmer, und im Kreise anderer Kreativer fragt schon längst niemand mehr, woran sie gerade arbeitet. So fasst sie den Entschluss, sich den verlorenen Schaffensraum zurückzuerobern, und begibt sich auf zwei parallele Reisen. Die erste führt sie – auf der Suche nach einem eigenen Arbeitsdomizil am Meer – nach Südfrankreich, die zweite auf die Spuren berühmter Literatinnen wie Daphne du Maurier, Selma Lagerlöf, Toni Morrison oder Chimamanda Ngozi Adichie, für die das Recht auf einen eigenen Raum zum Schreiben alles andere als selbstverständlich war. 

Auf Haussuche in Südfrankreich

Warum ein Haus in Südfrankreich? Hier hatte Valla mit ihrer Familie des Öfteren Urlaub gemacht. Nun suchte sie einen Rückzugsort, nur für sich, denn sie wollte wieder schreiben. Ein Buch schreiben. Allerdings scheute sie sich, dies den Maklern gegenüber zuzugeben. Typisch Frau? 

In Roqueburn im Südwesten Frankreichs wurde sie fündig. Als sie es kaufte, war sie 41 Jahre alt. Sie gesteht: „Das Haus gehörte nur mir. Ich kaufte es für mich selbst, mit geliehenem Geld. Das belastete unsere Familienökonomie auf eine wenig günstige Weise, und eine kluge Investition war es auch nicht, da Häuser in dieser Gegend eigentlich nie im Wert stiegen.“

Es fiel mir zeitweise schwer, ihre Beweggründe nachzuvollziehen. Und der Hauskauf und die Renovierung waren auch nicht von besonderem Glück geprägt, sondern brachten etliche Schwierigkeiten mit sich. Dies waren Passagen, bei denen ich dachte: Warum macht sie das? Und überlegte, ob ich weiterlesen soll.

Aber dann gibt es die Passagen, in denen Valla von bekannten Autorinnen berichtet, wie und wo sie geschrieben haben. Diese sind hochinteressant und haben mich gefesselt. Aber das gilt nicht für alles Leserinnen. Eine Amazon-Rezensentin hat es offen formuliert. Ihre Wertung zeigt einerseits Unverständnis für das Buchthema und ist in seiner Offenheit fast wieder amüsant: „Das Langweiligste, was ich je gelesen habe. Eine Aufzählung von Wohnungen oder Häusern, die unterschiedliche Autoren besessen haben, entweder um dort ihre Bücher zu schreiben oder die sie sich durch ihr schreiben kaufen konnten. Wen interessiert das? Mich bringt diese Aufzählung von Immobilien lediglich zum Gähnen.“

Nun, mich haben genau diese Schilderungen gefesselt. Es waren Autorinnen und Häuser dabei, von denen ich noch nie gehört hatte. Andere kannte ich.  Einige Autorinnen haben geschrieben, um ihr Leben zu finanzieren. Und ihre Häuser. Tania Blixen schaffte es zum Beispiel, von ihren Einnahmen ihr Elternhaus in Rungstedlund zu erhalten, ein Kraftakt.

Selma Lagerlöf hatte ihr Elternhaus verlassen müssen, um Lehrerin zu werden. Später war das Gut Konkurs gegangen und verkauft worden. Sie kaufte es 1907 für 13.500 Kronen zurück und ließ es umbauen. Dabei half ihr zwei Jahre später das Preisgeld des Nobelpreises. Heute erinnert nur noch wenig an das ursprüngliche Haus. erinnert ist Marbacka ein Museum mit einem Garten, an dem Lagerlöf viel lag, und kann besichtigt werden.

Die Autorin

Kristin Valla, aufgewachsen im norwegischen Nordland, ist Autorin, Journalistin und Lektorin und schreibt unter anderem für das Dagbladet Magasinet und das Kulturmagazin K der Zeitung Aftenposten. Mit ihrem Roman „Das Haus über dem Fjord“ eroberte sie 2022 die Herzen deutscher Leserinnen und Rezensentinnen.

Fazit

Anfangs habe ich mich ein wenig schwer getan, aber im Laufe der Lektüre war ich immer mehr angetan. Eine klare Empfehlung für alle, die etwas über Schriftstellerinnen erfahren möchte und ihre Häuser.

Zum Weiterlesen

>> Herlinde Koelbl, Im Schreiben zu Haus

>> Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein

Im Buch erwähnte Orte zum Entdecken

>> Edith Wharton: The Mount / Edith-Wharton-Haus

>> Vita Sackville-West: Sissinghurst

>> Bericht auf Meehr-Lesen: Porträt: Vita Sackville-West

>> Virgina Woolf: Monk’s House

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