
Es gibt Bücher, die haben kein Verfallsdatum. Die kann man auch ein paar Jahre nach ihrem Erscheinen lesen. Dazu zählt diese „Gebrauchsanweisung“, wobei man den Titel nicht allzu wörtlich nehmen sollte. Vor allem ist sie von zwei Autoren verfasst worden, die im Norden leben. ◼️
Verlagsinfo
Mareike Krügel und Jan Christophersen schreiben eine passionierte Liebeserklärung an Deutschlands Norden. Sie erzählen vom Leben zwischen Ostsee und Nordsee, von stolzen Städten am Meer, von Kiel, Lübeck, Flensburg und Husum. Vom Alltag am Wasser, vom Wattenmeer und den Halligen, Nordseeinseln, Fehmarn und Helgoland – und vom Wetterbericht als beliebtestem Small-Talk-Thema. Von Moorleichen und anderen Sehenswürdigkeiten, von Wikingern und Windkraftgegnern, Theodor Storm und Emil Nolde, von typisch norddeutschen Bräuchen und Klischees, Seemannsgarn und Platt. Von Pharisäern, Fischbrötchen und Rübenmus, toten Tanten, errötenden Jungfrauen und weiteren kulinarischen Besonderheiten.
„Wir brauchten das Geld“
Gebrauchsanweisungen gibt es viele. Daher ist es nicht so, dass die Welt dringend auf eine für Schleswig-Holstein gewartet hätte. Dennoch hatten Autor Jan Christophersen und seine Frau Mareike Krügel ein solches Buch vor einigen Jahren dem Piper Verlag angeboten. Wie kommt man auf so eine Idee? „Wir brauchten das Geld!“, erklärte Mareike Krügel spontan und mit einem Augenzwinkern. Aber vor gut zehn Jahren „galt Schleswig-Holstein als langweilig und wir waren nicht berühmt genug“, beschreibt Christophersen die Gründe für die damalige Ablehnung. Das hat sich geändert. Der echte Norden ist ein hochattraktives Reiseziel, Krügel und Christophersen sind bekannte Autoren.

Das Autorenpaar
Mareike Krügel und Jan Christophersen leben mit ihren Kindern bei Kappeln an der Schlei. Oder wie der Verlag sagt: Sie sind da zu Hause, wo andere Urlaub machen. Und nicht nur das. Mareike Krügel wurde 1977 in Kiel geboren, aufgewachsen ist sie in Altenholz bei Kiel. Jan Christophersen (Jahrgang 1974) stammt aus Flensburg. Nach dem Studium kamen sie wieder in den Norden. Mit Büchern auf der Spiegel-Bestsellerliste und Auszeichnungen zählen sie heute zu den renommiertesten deutschen Gegenwartesautoren.
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Von Grünkohl bis zu Sachetto Vomito
In 13 Kapiteln beschreiben sie von Aventoft bis Schwarzenbek, von Flensburg bis Wedel, die Besonderheiten des nördlichsten Bundeslandes. Dabei musste das Autorenpaar sich an einigen Vorgaben orientieren. „Es sollen keine Sachverhalten erwähnt werden, die sich in fünf Jahren schon wieder verändert haben“, erklärt Mareike Krügel. Und: „Das Thema Essen wird gerne gesehen.“ Für die Schriftstellerin das schwierigste Thema, denn es sollte ja auch keine Aufzählung werden. So orientierte sie sich unter der Überschrift „Pharisäer, Tote Tanten und Errötende Jungfrauen“ an ihr bekannten Gerichten und Getränken. Sie bricht eine Lanze für den Grünkohl, der ihrer Meinung nach sehr gut zeigt, „welche Kriterien die Gerichte hierzulande erfüllen mussten, um Teil einer traditionellen Küche zu werden“, nämlich „regional, saisonal oder haltbar gemacht“.
Es war nicht ihr Ziel, im Buch eine gemeinsame Sprache zu finden, betonen die beiden. Unterschiedliche Blickwinkel und Herangehensweisen sorgen für Abwechslung. Die komplizierte Geschichte des Landes „hat Jan auf 15 Seiten brillant erklärt“, lobt Krügel. „Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal alles zu begreifen“. Im Kapitel über die Westküste finden zwar auch Ebbe, Flut und Halligen statt, aber den Hauptteil macht die Erzählung über eine Helgoland-Fahrt aus, die es in sich hat. Denn es herrscht starker Seegang, blaue Spukbeutel kommen zum Einsatz, über deren ausländische Bezeichnungen Christophersen sinniert: Das italienische „saccetto vomito“ lässt ihn an einen Eisbecher denken, das französische „sac vomitoire“ dagegen eher ans WC.
Fazit
Weit mehr als eine simple Gebrauchsanweisung. Leicht, locker, teils amüsant. Auch für gebürtige Schleswig-Holsteiner lesenswert.
„Gebrauchsanweisung für Schleswig-Holstein“, Mareike Krügel, Jan Christophersen
224 Seiten, 16 Euro, Piper, VÖ 30. Juni 2022
