Rezension – Georgette Heyer: Brautjagd

Kein Regency-Roman ◼️

Bewertung: 5 von 5.

Es gibt Klappentexte, die sind nicht besonders gelungen. Dieser gehört dazu. Aber wenigstens ist an dem hier gezeigten Cover klar zu erkennen, dass es sich bei diesem Buch nicht (!!) um einen Regency-Roman handelt. 1745 trugen die Herren noch Degen und Spitze, die Damen Reifröcke. Das ändert allerdings nichts daran, dass diese Geschichte ein Meisterwerk von Georgette Heyer ist – mit einer verwickelten Story und dieses Mal wunderbaren Beschreibungen der damaligen Garderobe.

Verlagsinfo

England, 1745: Prudence Tremaine ist eine couragierte junge Dame aus gutem Hause, die zusammen mit ihrem Bruder Robin den zweiten Aufstand der Jakobiten unterstützt. Als sie nach deren Niederlage in Gefahr geraten, ersinnen die beiden einen waghalsigen Plan: Sie schlüpfen in andere Identitäten – Prudence zieht Männerkleidung an und gibt sich fortan als Peter Merriot aus, während Robin Frauenkleider trägt und sich Kate nennt. Doch dann begegnen die beiden dem eleganten Sir Anthony Fanshawe, der Prudences Herz höherschlagen lässt. Wie gern würde sie jetzt ein wunderschönes, tief dekolletiertes Abendkleid tragen und mit dem attraktiven Gentleman flirten! Aber wenn sie ihre wahre Identität preisgibt, droht sie alles zu verlieren – vielleicht sogar ihr Leben …

Maskerade der besonderen Art

Die Übersetzung des Titel ist nur bedingt gelungen. „The Masquerades“ sind die „Maskierten“. Um eine Maskerade geht es, in mehrfacher Hinsicht. Auch um eine Brautjagd, aber eben maskiert beziehungssweise verkleidet. Den Plan dazu haben aber keineswegs Prudence und Robin erfunden – wie im Klappentext behauptet. Die beiden reisen seit ihrer Kindheit mit ihrem „Alten Herren“ durch Europa und gehen dabei selten ehrenwerten Beschäftigungen nach. 

„Lächerlich, an Sicherheit zu denken, wenn man einen Mr Colney zum Vater hatte. Sie überlegte kläglich, was ihr Vater für ein Spitzbube war; sogar einer von schlechtem Ruf. Eine Spielhölle in Frankfurt, fürwahr! Die Erinnerung entlockte ihr ein Lächeln.“

Nun sind die beiden also in London und erregen schnell die Aufmerksamkeit der feinen Gesellschaft. Sie haben die allerbesten Manieren und sind beide gutaussehend:

„[Madam Kate] stand nun in einem blauen, über einen weiten Reifrock gebreiteten Taftkleid da. Sie trug die blonden Ringellocken en demie toilette, ohne Puder, nur von einem blauen Band gebändigt; einige Locken fielen lose auf die Schulter. Das Dienstmädchen hielt sie für eine wunderbar liebliche Dame.“

„Madam Kates Bruder übergab seinen Dreispitz der Obhut seines Dieners und schälte sich aus seinem Mantel. Er war ebenso groß wie seine Schwester, vielleicht sogar etwas größer, und sah ihr sehr ähnlich. Sein Haar war von dunklerem Blond und im Nacken sittsam mit einem schwarzen Zopfband zusammengefasst, seine Augen schienen im Kerzenlicht mehr grau als blau zu sein. Er wirkte sehr jung, denn die Wangen waren, bis auf den leichtesten Hauch, bar allen Flaums.“

Die Dialoge zwischen den Geschwistern zeugen von Vertrautheit, ihr öffentliches Auftreten erregt Aufsehen. Dabei kommt es teilweise zu verzwickten Situationen, vor allem für Peter alias Prudence, denn eine Frau hatte in den Männerclubs keinen Zutritt und musste nicht zum Degen greifen. Für Prudence auch darum nicht immer einfach, weil sie an einem großen und ehrenwerten Herren Gefallen gefunden hat. Die Beschreibungen von Sir Anthony vermitteln einen guten Eindruck von einem in sich ruhenden Charakter, der durch seine Gelassenheit die meisten Menschen glauben lässt, er würde nicht viel verstehen oder mitbekommen.

Die Maskerade und die Verliebtheit der Hauptpersonen in diesem Verwirrspiel führt natürlich zu etlichen Verwicklungen, die ihren Höhepunkt im Auftauchen des „Alten Herren“ finden. Eine schillernde Persönlichkeit, den man anhand der gelungenen Schilderungen von Georgette Heyer lebhaft vor seinem geistigen Auge den Raum betreten und mit dem Spitzentaschentuch wedeln sieht.  

Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf. Natürlich. In allen Heyer-Büchern gibt es ein Happy End. Aber der Weg dahin ist dieses Mal ein Meisterwerk des Ränkespiels und sehr amüsant.

Autor

>> siehe Kurz-Porträt Georgette Heyer

Das Cover

Ich habe hier ganz bewusst das Cover der Büchergilde gewählt. Es ist um Längen besser als die Cover der E-Book-Ausgaben der Heyer-Bücher, die bis auf wenige Ausnahmen scheußlich sind. Und es trifft den Stil und Inhalt des Buches (Masken und Kartenspiel) meiner Meinung nach ganz wunderbar. Außerdem habe ich diese Ausgabe vor vielen Jahren von meinem Vater zum Geburtstag bekommen – weswegen ich sie besonders liebe und in Ehren halte. 

Fazit

Die Rokoko-Zeit hatte ihre eigenen Regeln, teilweise anders als die des Regency. Hier sind Mode und Manieren formvollendet beschrieben. Ein großes Lesevergnügen!

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