
Hamburg in der Nachkriegszeit – für uns heute ist das Leben in den Trümmern kaum noch nachvollziehbar. Eine unglaubliche Leistung der Menschen damals, ebenso wie der Wiederaufbau, der durch Carmen Korns Beschreibungen deutlich wird. Im Mittelpunkt steht eine durch Zufall zusammengewürfelte Lebensgemeinschaft. Diese macht deutlich: Überleben funktioniert(e) nur miteinander, durch gegenseitige Unterstützung. Die Überlebens-Geschichte beginnt im Kältewinter 1946 und endet Dezember 1955, als das Wirtschaftswunder sich zu entfalten beginnt.
Verlagsinfo
Hamburg, 1946: In den Trümmern der zerbombten Stadt treffen Gert und Gisela aufeinander. Zwei junge Menschen, die ihre Familien im Krieg verloren haben und die nun in diesem harten Nachkriegswinter nach Hoffnung suchen. Sie finden sie im Keller eines Hauses, das der einstigen Schauspielerin Friede Wahrlich gehört. Eine ungewöhnliche Frau, die in ihrer eigenen Vergangenheit gefangen ist und doch fest daran glaubt, dass sich aus dem Chaos eine hellere Zukunft formen lässt. In ihrer Küche wächst eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig Halt gibt. Aber die Schatten der Vergangenheit sind lang: Was geschah mit Giselas Familie? Lebt Gerts kleine Schwester noch? Und was wurde aus den beiden Männern, die Friede einst liebte?
Überlebenswille
Es ist erstaunlich, unter welchen Bedingungen Menschen existieren können. Das erleben wir gerade im ukrainischen Kriegswinter. Für jene Deutschen, die 1945 den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, war die Situation im sogenannten Hungerwinter ähnlich dramatisch: Die Zeit zwischen November 1946 und März 1947 war eine der kältesten in Deutschland seit Jahrzehnten. Nahrungsmittel, Heizmaterial und Wohnraum waren Mangelware – vor allem in zerbombten Städten.
Hier treffen der Flüchtling Gert (16) und Gisela (14), Überlebende der Operation Gomorrha (Hamburger Feuersturm) aufeinander. Familie? Fehlanzeige. Sie sind auf sich selbst angewiesen, wie so viele Kriegswaisen.
„Und wo kommst du her?“, will Gisela wissen. „Aus Plauen. Da sind jetzt die Russen [… ]Da war keiner mehr. Alle weg. Wie das Haus meiner Oma, in dem sie drin waren, als eine Bombe drauffiel kurz vor Schluss.“
Eindringlich beschreibt Carmen Korn die damalige Situation. Allerdings sind es manchmal sehr kurze, knappe Sätze. So, als hätte sie keine Zeit zum langen Formulieren gehabt. Das wirkt vor allem am Anfang ein bisschen befremdlich. Doch nach einiger Zeit hat man sich daran gewöhnt. Dann nimmt die Geschichte einen gefangen.
Die ehemalige Schauspielerin Friede ist ganz froh über die jungen Leute in ihrem Keller. Sie tauschen auf dem Schwarzmarkt Gebrauchsgegenstände wie eine Kuckucksuhr gegen Essbares oder Heizmaterial. Zwischen den Dreien entwickelt sich eine Schicksalsgemeinschaft, zu der in darauffolgenden Jahren weitere Gestrandete stoßen.
Die Stärke des Romans ist die Beschreibung der Nachkriegssituation in Hamburg, die Veränderungen in der Stadt mit konkreten Beispielen. Da geht es beispielsweise um die Kammerspiele, deren Direktorin ab 1945 Ida Ehre war. Das Curiohaus spielt eine Rolle. Wie die Kaufhäuser in der Innenstadt nach und nach wieder Waren anbieten. Und wie von 1946 bis 56 die Grindelhochäuser entstehen und moderne Wohnungen bieten.
Das Grindelviertel
Das Viertel war vor dem Zweiten Weltkrieg des Zentrum jüdischen Lebens. Während der „Operation Gomorrah“ im Juli 1943 wurde es und wie die umliegenden Stadtteile durch den Feuersturm schwer verwüstet. 1946 bis 1956 wurden die Grindelhochhäuser errichtet – im Stadtteil Harvestehude zwischen den Straßenzügen Grindelberg, Hallerstraße, Brahmsallee und Oberstraße. Sie waren zunächst als Hauptquartier der britischen Besatzungstruppen geplant. Es waren die ersten Wohnhochhäuser in Deutschland nach 1945.
https://www.grindel-hamburg.de/stadtteil
Spurensuche in Flensburg
Neben dem Überleben ist die Spurensuche eines den zentralen Themen für die Menschen jener Zeit. Wo sind meine Lieben? Wer lebt noch? Ex-Schauspielerin Friede hat einst einen jüdischen Journalisten geliebt. Die Frage, was aus ihm geworden ist, beschäftigt sie immer wieder. In diesem Zusammenhang werden Schuld und Verantwortung der Deutschen allgemein und einzelner Personen aufgegriffen.
Gerd sucht verzweifelt nach Mutter und Schwester, die beim Bombenangriff mit ihm verschüttet wurden, hört begierig die Vermissten-Meldungen im Radio, wendet sich an den DRK-Suchdienst. Gisela dagegen will nicht an die Vergangenheit erinnert werden. Doch nach und nach kommt ihre Herkunft ans Licht. Die Spurensuche führt sie nach Flensburg und dort in die Angelburger Straße. Warum ich das erwähne? Weil ich aus der Fördestadt stamme und in genannter Straße gewohnt habe. Es ist der einzige ausführliche „Ausflug“ über Hamburg hinaus.
Autorin
Carmen Korn hatte vor zehn Jahren mit ihrer Jahrhundert-Trilogie großen Erfolg. In den Bänden „Töchter einer neuen Zeit“, „Zeiten des Aufbruchs“ und „Zeitenwende“ spannte sie einen Bogen über einhundert Jahre in Deutschland. Das Leben von vier Frauen in Hamburg stand exemplarisch für die Zeit von 1900 bis zur Jahrtausendwende.
Fazit
Nicht Egoismus sorgt dafür, dass wir überleben. Sondern Zusammenhalt. Das macht Carmen Korn in ihrem neuen Roman deutlich. Allerdings bleibt eine gewisse Distanz zu allen Personen.
„In den Scherben das Licht“, Carmen Korn
416 Seiten, 25 Euro, Rowohlt Kindler, VÖ 11. November 2025
