Vor 150 Jahren, am 8. Februar 1876, wurde die Künstlerin geboren ◼️
Bücher, Ausstellungen und mehr ◼️

„Wie schade.“ Das waren die letzten Worte von Paula Modersohn-Becker. So jedenfalls hat es ihr Ehemann Otto Modersohn überliefert. Vor einhundertfünfzig Jahren, am 8. Februar 1876, wurde Paula Becker in Dresden geboren. Aus diesem Anlass wird in zahlreichen Ausstellungen, in Büchern und Filmen an die Ausnahme-Malerin erinnert. Innerhalb weniger Jahre, bis zu ihrem frühen Tod, schuf sie ein umfangreiches Werk, das heute international anerkannt ist. Etliche Jahre lebte sie in der Künstlerkolonie Worpswede, wo man ihr auf vielfältige Weise begegnen kann.
Besuch in Worpswede
Vorweg: Auch wenn das Leben von Paula Modersohn-Becker nur 31 Jahre zählte, ist es reich: Reich an Werken. Reich an Begegnungen und an Erfahrungen. Vieles ist bekannt, denn Briefe und Tagebücher von ihr sind erhalten, ebenso die von ihrem Ehemann Otto Modersohn. Man kann sich also anhand von Original-Aufzeichnungen auf Spurensuche begeben. Oder eine der zahlreichen Biografien wählen. Oder nach Worpswede fahren. Insgesamt fünf Museen erinnern hier an die Malerin – mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Kunsthalle, Große Kunstschau, Barkenhoff und Haus im Schluh sind in einem Verbund zusammengeschlossen. Und dann ist da noch das ehemalige Wohnhaus des Künstlerehepaares in der Hembergstraße 19. (Angebot der Museen > siehe unten)



Ein Leben für die Malerei
Es war eine weltoffene und künstlerisch interessierte Familie, in die Paula hineingeboren wurde, wenn auch nicht wohlhabend. Paula Becker wollte malen. Ihr Vater finanzierte ihr Unterricht, denn zum Studium an Kunstakademien waren Frauen damals nicht zugelassen. 1888 zog die Familie nach Bremen.
An dieser Stelle das ganze, kurze Leben dieser außergewöhnlichen Frau wiedergeben zu wollen, würde den Rahmen sprengen. Allein der Wikipedia-Eintrag ist ausgesprochen detailliert und sehr lang. Und natürlich gibt es zahlreiche Biografien, von denen mir jene von Christa Murken gut gefallen hat. **
Paula Becker wollte unabhängig sein. So schrieb sie auch wenige Monate vor ihrer Heirat im Mai 1901: : „…dass ich mich verheirate, soll kein Grund sein, dass ich nichts werde.“ Nach dem damals geltenden Namensrecht hätte sie eigentlich nur Paula Modersohn heißen sollen. Doch da sie sich als Paula Becker schon einen gewissen Ruf erworben hatte, nannte sie sich Modersohn-Becker.
Keine Selbstverständlichkeit war, dass Otto Modersohn das Talent seiner Frau sah und sie unterstützte. So finanzierte er Paris-Aufenthalte, in denen sie wichtige Impulse für ihr Schaffen erhielt (siehe >> Andrea Reidt: Paula in Paris).
„Grober Unfung“ oder große Kunst?
Rainer Maria Rilke, der ihre Freundin Clara Westhoff heiratete, charakterisierte sie mit den Worten: „Für alles offen, wie ein Tag, der anbricht“. Und sie schuf ihre Kunst aus sich heraus, selbst gegen Widerstände. Ihre Werke unterschieden sich stark von den damals gängigen Gemälden. Es waren zum Teil schwere Figuren, vielfach einfach Leute. Dieser Stil rief 1899 harsche Kritik hervor, als sie sich in Bremen mit anderen Worpsweder Künstlern an einer Ausstellung beteiligt. Der Maler und Kunstkritiker Arthur Fitger schrieb in der „Weser Zeitung“ von „unqualificierbaren Leistungen“.Er verstieg sich sogar zu der Äußerung, der „Wörterschatz einer reinlichen Sprache“ reiche nicht aus, um die Arbeiten der jungen Künstlerin treffend zu kennzeichnen. Wenn diese Art von Kunst auf einer Bühne gezeigt worden wäre, hätte ein Sturm des Zischens dem „Unfug“ ein Ende bereitet, ätzte er weiter.
Nun ja: Arthur Fitger kennt heute kaum noch jemand. Paula Modersohn-Becker ist dagegen weltberühmt. Paula zog ihre Werke sofort aus der Ausstellung zurück und reiste nach Paris. Sie gab nicht auf! Quasi eine Bremer Entschuldigung war die Einweihung des Paula-Modersohn-Becker Museum am 2. Juni 1929. Damit war sie die erste Künstlerin, die ein eigenes Museum erhalten hatte.

eine Besonderheit.

Fotograf unbekannt.

an der Worpsweder Kunsthalle.
Frauenakt
Frauenakte waren und sind in der Kunstgeschichte eine gängige Darstellung. Aber das eine Frau nackte Frauen malt, war ungewöhnlich. Und dann noch schwanger.
„Ich fühle, dass die Zeit bald kommen wird, in der ich mich nicht mehr dafür schämen und schweigen muss, sondern stolz darauf sein kann, eine Malerin zu sein“, schrieb Modersohn-Becker im Alter von 26 Jahren. Als sie vier Jahre darauf, im Mai 1906, ihr ikonisches „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ malte, hielt sie die Kunstgeschichte an. Noch nie zuvor hatte sich eine Malerin auf der Leinwand nackt verewigt, noch dazu schwanger, mit herausgewölbtem Bauch. Für diese Darstellung hatte sie sich entschieden, obwohl sie zum Zeitpunkt des Selbstporträts kein Kind erwartete, schreibt Julia Voss in der Zeitschrift „Weltkunst“ unter der Überschrift „Ein Leben für die Malerei“.
Die Ehe der Modersohns war ein Auf und Ab. So überlegte Paula, sich von Otto Modersohn zu trennen, entschied sich aber dagegen, weil sie wirtschaftlich allein nicht hätte bestehen können.
„Es ist meine Erfahrung, daß die Ehe nicht glücklicher macht. Sie nimmt die Illusion, die vorher das ganze Wesen trug, daß es eine Schwesterseele gäbe. Man fühlt in der Ehe doppelt das Unverstandensein, weil das ganze frühere Leben darauf hinausging, ein Wesen zu finden, das versteht. Und ist es vielleicht nicht doch besser ohne diese Illusion, Aug in Auge einer großen einsamen Wahrheit? Dies schreibe ich in mein Küchenhaushaltebuch am Ostersonntag 1902, sitze in meiner Küche und koche Kalbsbraten.
„Schade“
Sie wünschte sich ein Kind. 1907 wurde sie tatsächlich schwanger. Am 2. November 1907 brachte sie eine Tochter zur Welt: Mathilde Paula, später Tille genannt. Es war eine schwere Geburt, sie musste lange das Bett hüten. Als sie am 20. November aufstand, gab es wohl ein tödliches Blutgerinsel. „Schade.“ Das soll ihr letztes Wort gewesen sein.
Paula wurde nur 31 Jahre alt, aber hinterließ 750 Gemälde und etwa 1000 Zeichnungen. Kaum auszumalen, was für ein umfangreiches Werk sie wohl bei einem längeren Leben hinterlassen hätte. Aber hätte sie als Mutter mit derselben Schaffenskraft weiterarbeiten können? Ihre Tochter wuchs bei Otto Modersohn und seiner neuen Frau auf. Sie zeigte keinerlei künstlerische Ambitionen, wurde Sozialarbeiterin und gründete 19878 die Paula-Modersohn-Becker-Stiftung.



Bilder von Paula Modersohn-Becker
Links: Zwei Männer beim Torfstechen, um 1900. Öl auf Pappe. Haus Modersohn. Foto: © Sopha
Mitte: Halbakt einer sitzenden Bäuerin, um 1900, Öl/Tempera auf Leinwand. Dauerleihgabe an die Große Kunstschau Worpswede, Kulturstiftung Landkreis Osterholz. Foto: © Worpsweder Museumsverbund
Rechts: Mieke Vogeler mit Perlenkette, 1902. Öl auf Pappe. Heinrich Vogeler Stiftung im Haus im Schluh, Worpswede. Foto: © Sopha
Bücher (Auswahl)
Romane /Romanbiografien
- Gabriele Katz: Göttertage. Roman
- Birgit Poppe: Die Malerin im Birkenwald
- Renate Hanekamp: Magda und Paula
- Gunna Wendt: Clara und Paula
- Barbara Beuys: Paula Modersohn-Becker. Oder: Wenn die Kunst das Leben ist
- Stefanie Schröder: Paula Modersohn-Becker. Auf einem ganz eigenen Weg.
Biografien
- ** Christa Murken: Paula Modersohn-Becker. Leben und Werk
- Günter Busch, Liselotte von Reinken (Hsg.): Paula Modersohn-Becker. In Briefen und Tagebüchern
- Rainer Stamm: Ein kurzes, intensives Fest
- Uwe M. Schneede: Paula Modersohn-Becker. Die Malerin, die in die Moderne aufbrach
- Boris von Brauchtisch: Paula Modersohn-Becker
- Marina Bohlmann-Modersohn: Paula Modersohn-Becker. Eine Biografie in Briefen
- Bohlmann-Modersohn / Modersohn: Otto Modersohn. Die Biografie: sehen – fühlen – machen
- Marina Bohlmann-Modersohn: Clara Rilke-Westhoff
- Charlotte Ueckert: Paula Modersohn-Becker
Ausstellungskataloge
- Dalbajewa, Dehmer: Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch
Sachbücher
- Anja Puttensen, Kathrin Haas: Paula Modersohn-Becker. Ich bin mutig, ich male!
- Andrea Reidt: Paula in Paris (Auf den Spuren in Paris)
- Siegfried Brück, Helmut Stelljes: Paula Modersohn-Becker. „Meine glücklichsten Stunden“
- Toma Babovic, Anna Brenken: Auf den Spuren von Paula Modersohn-Becker
- Ingrid Pfeiffer: Paula Modersohn-Becker
Film
- 150 Jahre Paula Modersohn-Becker: Ihrer Zeit weit voraus (NDR)
- Paula Modersohn-Becker. Keine Kompromisse (ARTE)
- Paula Modersohn-Becker. Wer weiß schon, was Leben ist? (Kino, Sommer 2026)
- Paula. Mein Leben soll ein Fest sein (Kino, 2016)
Aktuelle Ausstellungen
>> Paula Modersohn-Becker-Museum, Böttcherstraße: 8. Februar – 13. September 2026 „Becoming Paula“. London Berlin Worpswede Paris. Wie aus Paula Becker die bahnbrechende Künstlerin Paula Modersohn-Becker wurde.
>> Kunsthalle Bremen: Die Kunsthalle Bremen würdigt Paula Modersohn-Becker mit einem neu eingerichteten Ausstellungssaal.
>> Lloyd Passage, Bremen: 19. März bis 30. Mai 2026. Künstlerinnen und Künstler stellen ihre >> Werke rund um Paula Modersohn-Becker aus zu Ehren des einstigen „Malweibs“.
>> Worpsweder Museen: Die vier Worpsweder Museen eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf die Künstlerin. 7. Februar bis 1. November 2026
> Barkenhoff: „Ich bin / du bist. Menschenbilder“. Das Porträt im Mittelpunkt.
> Große Kunstschau: „Respekt!“. Haltung von Kunstschaffenden gegenüber ihren Motiven.
> Haus im Schluh: „ANGEWANDT. Frau + Design“
> Worpsweder Kunsthalle: „Hautnah. Inès Longevial“ die erste Einzelausstellung der französischen Malerin in Deutschland. Longevial beschäftigt sich – wie Modersohn-Becker – intensiv mit dem Selbstbild und Fragen nach Identität und Weiblichkeit.
>> Museum am Modersohn-Haus, Worpswede. Ab Mitte März 2026. „Die Gründer der Künstlerkolonie – die Sammlung Bernhard Kaufmann / Dauerausstellung“
>> Otto-Modersohn-Museum, Fischerhude. 8. Februar bis 24. Mai 2026. „Die Landschaften“. Monografische Präsentation ihrer frühen Landschaftsstudien. Es werden 32 bislang selten gezeigte Landschaftsstudien präsentiert – ein Ereignis, das die eigenständige Bildsprache und künstlerische Selbstbehauptung einer der wichtigsten Wegbereiterinnen der Moderne in den Fokus rückt.
>> Albertinum, Dresden. 8. Februar bis 31. Mai 2026. „Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens“. Paula Modersohn-Becker (1876–1907) und Edvard Munch (1863–1944) sind zwei Ausnahmeerscheinungen in der Malerei des 20. Jahrhunderts. In ihren ausdrucksstarken Bildern fanden sie innovative künstlerische Antworten auf Fragen ihrer Zeit, die sich an das Leben richteten – von der Geburt bis zum Tod. In Zusammenarbeit mit dem Munch-Museum in Oslo.
Anlässlich des 150. Geburtstages von Paula Modersohn-Becker beteiligen sich zahlreiche Kulturorte mit Sonderpräsentationen, Atelier- und Ortsführungen, Film, Theater, Performances, Tagungen, Lesungen, Vorträgen, Musik- und Familienveranstaltungen am Jubiläumsprogramm. Und der bundesweite Künstlerinnenverband GEDOK – wichtig bis heute für die gesellschaftliche Anerkennung und das Netzwerken von Künstlerinnen – feiert 2026 sein 100jähriges Bestehen. Umfangreiche Informationen finden sich auf PAULA150.DE
