Rezension – Sylvia Gruchot: Ungeliebt. Täuschung tötet

Bewertung: 4 von 5.

Mobbing und Aggression unter den Schülern. Kinder, die ohne Frühstück in die Schule kommen. Liebeleien unter den Lehrern. Desillusionierte Pädagogen. Es ist keine heile Welt an der Kieler Schule, die Sylvia Gruchot als Hintergrund für ihren aufwühlenden Thriller entwirft. Dieser sorgt nicht unbedingt für Gänsehaut, aber stimmt außerordentlich nachdenklich.

Verlagsinfo

Die Ehefrau des beliebten Sportlehrers Torsten Albrecht ist spurlos verschwunden. Die ausgelöste Vermisstensuche führt die Kieler Ermittler, Susann Greve und Reiner Groß, in das Umfeld einer Gemeinschaftsschule. Henning, ein gehasster und missliebiger Siebtklässler, plant einen Racheakt an seinen Mitschülern. Die Schicksale sind ungeahnt miteinander verwoben. Wer wird Opfer, wer zum Täter in einem Umfeld von Intrigen und Verrat? 

Tatort Schule

Sicher, unbeliebte Schüler hatten es schon immer schwer, wurden vielleicht gehänselt. Doch Handys und Soziale Medien haben den Alltag von Schülern stark verändert, haben zu einer neuen Dimension der Ausgrenzung geführt. Da werden kompromittierende Fotos über die Toilettenwand hinweg gemacht. Oder gefakte und beleidigende Fotos in der WhatsApp-Gruppe geteilt. Wahrscheinlich entsprechen die von Gruchot geschilderten Ereignisse in weiten Teilen der Realität. Die erschütternd ist. Ich bin froh, dass ich weder schulpflichtige Kinder habe noch selber seit Jahren nicht mehr mit Schule konfrontiert wurde. Aber die Situation für unseren Nachwuchs ist katastrophal.

Wenn sie dann noch aus prekären Verhältnissen stammen, so wie Henning, haben sie es doppelt schwer. „Fettsack“ wird er von seinen Mitschülern genannt. Seine Mutter kümmert sich kaum um ihn und seine jüngere Schwester.

Auch die Lehrer haben es nicht leicht. Sind zum Teil überfordert – so wie die alleinerziehende Bettina. All diese Lebensverhältnisse werden eindringlich und überzeugend geschildert.

Liebesgeschichte

„Ungeliebt“, so der Buchtitel. Das trifft auch den Schüler Henning zu, aber auch auf die Lehrerin Bettina. Ihre Affäre, ihre Gedanken sind sehr treffend geschildert. Dadurch wird sie manchem vielleicht nicht sympathisch, aber ihre Handlungen nachvollziehbar. Sie täuscht sich selber. Mit einem tödlichen Ausgang.

Die Ermittler

Wer den ersten Krimi von Sylvia Gruchot gelesen hat („Das Kleid so rot“) kennt die Ermittler. Aber diese Kenntnis ist für das Verständnis des Buches nicht erforderlich. Das ein ehemaliger Kripobeamter zum Einsatz kommt, ist für die Handlung nicht unbedeutend. Allerdings ist seine persönliche Situation (seine Frau leidet an Demenz) ein Aspekt zu viel und lenkt nur ab. So habe ich auch die Anfangs- und die Schluss-Szene des Buches als überflüssig empfunden.

Verlag

Der dco-Verlag wurde von der Autorin und Fotografin Dreyer Mitte 2022 in Schleswig-Holstein mit ihrer Schwester und dessen Lebensgefährten gegründet. Inzwischen hat der Verlag seinen Sitz in Püttlingen (Saarland). Sein Augenmerk liegt nach wie vor auf schleswig-holsteinischen Autoren, zu denen auch Sylvia Gruchot zählt. 

Die Autorin

Sylvia Gruchot ist Deutsch­lehrerin und lebt mit ihrem Mann in Kiel. Die Ideen für ihre Themen findet sie im Alltag, wobei die Autorin in ihren Geschichten die Grenzen der Alltäg­lichkeit überschreitet, so der dco-Verlag, in dem auch ihr Debüt-Roman erschien. >> Webseite der Autorin

Fazit

Dieses Buch hat mich gedanklich noch lange beschäftigt. Die Handlung ist außerordentlich realistisch. Es ist ein sehr guter Krimi. Da ich den Demenz-Aspekt als einen Handlungsstrang zu viel empfand, nicht die höchste Sterne-Zahl. Aber auf jeden Fall empfehlenswert! 

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