Visionärin und Genie ◼️

Mathematikerin, Computer-Pionierin, erste Programmiererin. Die Rede ist von Ada Lovelace, nach der auch die Programmiersprache Ada benannt wurde. Doch wer genau war diese Frau? Und worin bestand ihr Verdienst? Vera Weidenbach zeichnet ihr Leben und ihre Leistung in einer ausführlichen, feministisch geprägten und hochinteressanten Biografie nach, in der man viel über die Rolle der Frauen in Mathematik und Informatik erfährt.
Verlagsinfo
Ada Lovelace war eine geniale Mathematikerin. Anfang des 19. Jahrhunderts dachte sie Technologien voraus, die unsere Welt veränderten. Trotz der Beschränkungen, die Frauen ihrer Zeit auferlegt waren, gelang es Ada durch ihre umfassende Bildung, eine führende Rolle in der konzeptuellen Entwicklung eines Vorläufers des modernen Computers zu übernehmen – eine Leistung, die grundlegende Prinzipien der Programmierung und Informatik vorwegnahm. Ihr Leben spiegelt auch den außergewöhnlichen Balanceakt zwischen den gesellschaftlichen Pflichten einer Frau und wissenschaftlichem Genie wider, ein Spagat, der ihre Errungenschaften umso bemerkenswerter macht. Vera Weidenbach erzählt in dieser Biografie über die Leistungen einer Pionierin des Programmierens und was passiert, wenn der wissenschaftliche Ehrgeiz einer Frau auf die patriarchalen Strukturen des 19. Jahrhunderts trifft.
Das Leben von Ada
Ada hatte eine Mutter, die mathematisch interessiert war. Das war ungewöhnlich. Anna Isabelle Noel-Byron, 11. Baroness Wentworth, wollte zudem verhindern, dass ihre Tochter an Literatur Gefallen fand. Der Grund: Ada war das Kind aus der Ehe mit dem britischen Dichter Lord Byron, von dem sich ihre Mutter scheiden ließ, als Ada noch ein Baby war. Dies hatte Auswirkungen auf ihr späteres Leben.
Ada wird also vorwiegend in naturwissenschaftlichen Fächern unterrichtet. Ihre Mutter erzieht sie dazu (beziehungsweise lässt sie erziehen), dass sie selbstständig denkt und Dingen auf den Grund geht. Als junges Mädchen debütiert sie: In einem weißen Kleid wird sie mit anderen Mädchen (heute würden wir sie Teenager nennen) der Königin vorgestellt. Das Ziel: Einen möglichst wohlhabenden und von der Gesellschaft angesehenen Ehemann zu finden.
All dies erklärt Vera Weidenbach ausführlich. Für Leserinnen und Leser, die sich mit Historie beschäftigen, vor allem der Periode des englischen Regency, werden es keine Neuigkeiten sein. Ebenso wie die Einordnung des Regency in eine Zeit der Umbrüche: die Industrialisierung schreitet voran. Aber die Autorin kann nicht davon ausgehen, dass dies allen bekannt ist, die zu ihrem Buch greifen. Insofern: Ein wichtiger Diskurs. Auch, weil Adas Mutter sehr darauf bedacht ist, dass ihre Tochter in der Gesellschaft nicht unangenehm auffällt. Der Grund: Als Tochter des skandalumwitterten Lord Byron betrachtet man sie besonders kritisch.
Als sie 19 Jahre alt, heiratet Ada am 8. Juli 1835 William King, den 8. Baron King. Dieser wird 1838 zum Earl of Lovelace erhoben. Anfangs ist die Ehe glücklich, denn William unterstützt ihre mathematischen Studien. Da sie selbst nicht in Bibliotheken gehen kann, lässt er sich in die Royal Society aufnehmen, um Artikel für sie abzuschreiben. Zwei Jahre zuvor hatte die junge Frau erstmals Charles Babbage getroffen, der eine Rechenmaschine baut. Damals noch ganz mechanisch, mit einer Vielzahl von Zahnrädern. Die meisten Menschen verstehen den Zweck nicht. Babbage ist auch nicht imstande, diesen zu vermitteln. Aber Ada ist sofort fasziniert.
„Ihre größte Leistung liegt darin, dass sie in der Maschine, die der Erfinder Charles Babbage als bloße Rechenmaschine baute, das Potenzial erkannte, das eigentlich in einer rechnenden Maschine steckt: Man kann ihr fast alle Tätigkeiten beibringen.“
Vera Weidenbach über Ada Lovelace
Es ist der Anfang einer jahrelangen Freundschaft, die zu einer intensiven Zusammenarbeit führt. Allerdings: Eine Frau, die sich nur der Wissenschaft widmet, das ist in der damaligen Gesellschaft nicht vorgesehen. Diesen Aspekt betont Vera Weidenbach in ihrem Buch immer wieder, macht deutlich, dass intelligente Frauen unter den Beschränkungen des Patriachats ihre Fähigkeiten nur mühsam entfalten konnten.


Frauen, Mathematik und Computer
Die Leistungen von Ada Lovelace werden von einigen (selbst weiblichen) Biografen angezweifelt wurden. Deshalb hat Vera Weidenbach Originaldokumente gesichtet, vor allem viele Briefe, die zwischen Ada und Babbage ausgetauscht wurden, und zitiert daraus. Die Mathematikbegeisterte Ada wird eine auf Französisch verfasste Erklärung zur „Analytical Engine“ übersetzen – und eigene Anmerkungen dazu machen, die sogenannten „Notes“. Am Ende werden diese einen größeren Umfang haben als der eigentliche Text. Und sie fügt einen Plan zur Berechnung der sogenannten Bernoulli-Zahlen an – dieser wird als das erste veröffentlichte formale Computerprogramm angesehen. (Wer mehr über die Zahlen wissen möchte >> hier).
„Bisher hat Ada außerhalb des englischsprachigen Raums nur in wenigen Kreisen die Bekanntheit erlangt, die sie verdient; ihr Einfluss, der bis in unsere Gegenwart und darüber hinaus reicht, wird erst langsam vollumfänglich anerkannt.“
Vera Weidenbach über Ada Lovelace
Wer allerdings mit Mathematik und/oder Computertechnik nichts am Hut hat, wird an dieser Stelle etliche Passagen der Biografie lediglich überfliegen. Auch wenn ich in der Schule ein Jahr lang das Fach „Informatik“ hatte – dieses Wissensgebiet ist für mich immer ein Buch mit Sieben Siegeln geblieben.


Doch was gut und wichtig ist: Diese Biografie macht deutlich, dass Frauen durchaus Zugang zu Mathematik haben. Im letzten Kapitel mit dem Titel „Das Erbe“ macht Vera Weidenbach deutlich, dass andere Frauen einen erheblichen Anteil an der Entwicklung und Programmierung von Computern hatten. Übrigens: Der Begriff Computer bezeichnete ursprünglich Personen, die Berechnungen anstellten.
„Bereits im Jahr 1773 [wurde] mit Mary Edwards ein weiblicher Computer von der britischen Regierung beauftragt, mathematische Tabellen für das nautische Jahrbuch zu erstellen.“
Ab 1942 wurde in den USA ein elektronischer Universalrechner entwickelt, genannt Electronic Numerical Integrator and Computer (ENIAC). Er sollte der Armee zur Berechnung ballistischer Tabellen dienen. Doch bevor es so weit war, musste er programmiert werden (damals noch per Lochkarten). Das übernahm ein sechsköpfiges weibliches Team.
„Die Frauen waren dabei auf sich alleine gestellt, denn die beteiligten Ingenieure taten das «Programmieren» der Maschine als Nebensache ab. Hätten sie diese Einschätzung nicht getroffen, ist es zu bezweifeln, dass Frauen diese Tätigkeit hätten ausführen dürfen.“
Wundert es jemanden, dass diese Frauen bei der Einweihung der Maschine nicht eingeladen waren?

Internationaler Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft
Weltweit liegt der Frauenanteil in der Wissenschaft bei unter 30 Prozent, in manchen Weltregionen sogar unter 20 Prozent. In Europa haben nur wenige Länder Geschlechterparität, Deutschland liegt innerhalb der EU weiter fast am Ende der Liste (Daten des UNESCO-Instituts für Statistik).
Weltweit sind weniger als ein Drittel aller Forschenden weiblich.
In den MINT‑Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – bleibt der Anteil junger Frauen besonders niedrig.
Forschungsinstitute werden weltweit meist von Männern geleitet und immer noch bestehen Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern. Viele hochqualifizierte Frauen schaffen es in ihrer Karriere nicht über die mittlere Verantwortungsebene hinaus (UNESCO-Institut).
Aus diesem Grund wird jährlich am 11. Februar der Internationaler Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft begangen.
Autorin
Vera Weidenbach, 1990 geboren, studierte Philosophie, Biologie und Politik und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Sie ist freie Journalistin und Kolumnistin. Als Reporterin berichtet sie für table.briefings (ein Informationsangebot für die entscheidenden Köpfe in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft & Bildung) über Bundespolitik und den Nahostkonflikt. Zuvor war sie im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin tätig, hat Nachrichten gesprochen und macht Podcasts. (Info des Rowohlt Verlags)
Das Cover
Das Cover zeigt ein vielfach abgebildetes Gemälde von Ada Lovelace aus dem Jahre 1836. Gemalt wurde es von Margaret Sarah Carpenter. Es macht deutlich, dass die Mathematikerin Mitglied der Aristokratie war – zum einen durch die Kleidung, zum anderen durch die Tatsache, dass sie gemalt wurde.
Fazit
Die Biografie ist sehr ausführlich. Wer allerdings kein Verständnis für Mathematik und/oder Computertechnik hat, wird einige Passagen kaum verstehen und daher lediglich (so wie ich) überfliegen – darum einen halben Stern Abzug. Aber alles Übrige ist hochinteressant, insbesondere die Einordnung in die damaligen Lebensumstände, die Rolle der Frau in Wissenschaft und Technik.
„Ada Lovelace“, Vera Weidenbach
256 Seiten, 24 Euro, Rowohlt, VÖ 12. August 2025
Zum Nachlesen
- Ada Lovelace oder Wie der erste Algorithmus entstand
- Ada Lovelace und das erste Computerprogramm der Welt: Anna Siffert vom Max-Planck-Institut für Mathematik erklärt, warum Ada Lovelace als Pionierin der modernen Informatik gilt
- Geo-Wissen: Computer-Pionierin Ada Lovelace. Die Frau, die aus der Zukunft kam
- Spektrum.de: Ada und der erste Computer
- Gesellschaft für Informatik: Beiträge über Ade Lovelace
