Porträt: Helene Böhlau (1856–1940)

Ein Leben wie ein Roman / Erfolgreiche Schriftstellerin und Feministin ◼️ 

Helene Böhlau wird als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit gewürdigt. Heute ist sie dem breiten Publikum unbekannt, obwohl ihre Romane und Erzählungen nach wie vor publiziert werden. Von den Einnahmen ihrer zahlreichen Werke konnte sie ihr kleine Familie ernähren. Böhlau, geboren am 22. November 1856, war Tochter aus gutbürgerlichem Hause, aber eigenwillig. So liest sich ihre Leben selbst wie ein Roman. ◼️ 

Madame al Raschid Bey

Es ist ein bizarres Bild. Eine mütterlich wirkende Frau mit Hochsteck-Frisur, lockerem Kleid mit Schleifen und Spitzenkragen geht neben einem orientalisch wirkenden Mann. Er trägt einen Kaftan, sein Vollbart und die tiefliegenden Augen lassen ihn düster wirken. Aufgenommen wurde das Foto 1910 im oberbayerischen Widdersberg, wo man keine Osmanen vermuten würde. Der Kaftanträger ist Omar al Raschid Bey, der diesen Namen auch erst seit 1886 trägt. Die Frau an seiner Seite ist Helene Böhlau.

Flucht und Ehe

Omar al Raschid Bey war kein gebürtiger Türke, sondern der Privatgelehrte Friedrich Helwig Arnd, der zum Islam konvertiert war. Der Weimarer Verlagsbuchhändler Hermann Böhlau hatte die älteste seiner drei Töchter zu ihm geschickt, da bisherige Erziehungsversuche nicht wirklich gefruchtet haben, wie es Böhlaus Urenkelin Helene Falk im lesenswerten Nachwort zur Reclam-Ausgabe von „Halbtier!“ schreibt. Bei der Familie Arnd findet die 22-Jährige Unterstützung für ihre Liebe zur Literatur. Und: »Aus einer Schwärmerei für ihren Mentor wird mit der Zeit eine Liebesbeziehung, die von dessen Frau nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert wird«, so Falk weiter. Falk muss mit seinem Kartographischen Institut Insolvenz anmelden. »Vielleicht könnte Helene als Tochter aus vermögendem Hause die Familie retten? Ganz offen wird erwogen, dass Friedrich Arnd sich scheiden lassen und Helene heiraten könnte«, schreibt Falk. Doch ihr Vater enterbt sie.

Arnd reist im April 1886 nach Konstantinopel. Aus gesundheitlichen Gründen? Helene folgt ihm auf der Reise die Donau hinunter. Ob allein oder mit ihm, habe ich nicht ermitteln können. Auf jeden Fall für die damalige Zeit ein gewagter Schritt für eine ledige Frau, auch wenn sie bereits 30 Jahre alt ist. Das allein schon ist ein Skandal. Aber das Paar geht noch weiter. Arnd konvertiert zum Islam, verstößt seine Frau (das osmanische Recht macht es möglich) und heiratet Helene.

Arbeit als Schriftstellerin

Der Bey findet keine Festanstellung mehr. Die finanzielle Lages des Paares ist schlecht. Ein Jahr nach ihrer Flucht kehren die Zwei nach Deutschland zurück, leben in München. Der Mann widmet sich der Philosophie und schreinert. Für den Lebensunterhalt sorgt Helene Böhlau – mit Schreiben.

»Helene Böhlau fand im Schreiben eine Möglichkeit, ihr Wesen auszudrücken und ihre tiefsten Empfindungen lebendig werden zu lassen durch ihre Romanfiguren, die sie liebevoll „meine Käuze“ nannte.«, heißt es im Blog der Monacensia.

Auf die Einnahmen ist sie umso mehr angewiesen, als 1895 Sohn Omar geboren wird. 

Werke

  • Ab 1886 erschienen die „Ratsmädel-Geschichten“. Diese spielen in Weimar, in der Jugendzeit ihrer Großmutter Therese Thon. Die heiteren Betrachtungen aus dem Alltagsleben waren erfolgreich und wurden gerne gelesen.
  • Flucht und Zeit in Konstantinopel: „In frischem Wasser“, 1891. „Isebies“, 1911.
  • 1899: „Halbtier!“. Damit setzt sie feministische Akzente, distanziert sich allerdings später davon.

Eine Liste all ihrer Veröffentlichungen findet sich auf dem Wikipedia-Eintrag.

Widdersberg

Meiste Zeit lebt Helene Böhlau in ihrem Haus in Widdersberg oder auch bei der Familie ihres Sohnes in Ingolstadt oder Augsburg. „Für ihre drei Enkelkinder ist die »Mudha« eine von Herzen geliebte Großmutter“, so ihre Urenkelin Helene Falk. Deren Mutter, Ruth Wegner, hat eine ausführliche, maschinenschriftlich verfasste Biographie hinterlassen. Dafür hat sie Briefe und biographisches Material über Jahre gesammelt, gesichtet und transkribiert. Leider ist das Werk an sich nicht publiziert worden. Helene Böhlau ist am 26. März 1940 gestorben und hat später ihre letzte Ruhestätte auf dem Widdersberger Friedhof gefunden.

Zum Vertiefen und Weiterlesen

  •  „Schreiben als Akt der Befreiung“. Blog der Monacensia. Die Informationen zu diesem Beitrag beruhen insbesondere auf der ausführlichen, Biographie der Enkelin Helene Böhlaus, Ruth Wegner. Absolut lesenswert!
  • „Mutiger Weg einer starken Frau“. Porträt im Münchner Merkur, Gespräch mit Helene Falk.
  • Bayerns Frauen: „Helene Böhlau – die Freimütige“

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