Spione, Drahtzieher und das Ende der Nazi-Herrschaft

Flensburg – damit verbinden die meisten Punkte im Kraftfahrtbundesamt, das Flensburger Pilsener oder Handball. Dass die Stadt zum Ende des Zweites Weltkrieges eine besondere Rolle spielte, dass wissen nur wenige. Vom 2. bis 23. Mai 1945 residierte hier nach Hitlers Tod die Regierung von Großadmiral Karl Dönitz. Dieses Buch schließt diese Wissenslücke mit zahlreichen interessanten Informationen.
Verlagsinfo
Das »Dritte Reich« ist gefallen – doch die Geschichte steht nicht still. In Flensburg kreuzen sich die Wege von Agenten, Überlebenden und alten Eliten. Zwischen zerfallender Macht und zaghaftem Aufbruch wird verhandelt, getäuscht, geschwiegen – und der Grundstein für erstaunliche Karrieren gelegt. Dies ist die spannende Geschichte einer Zwischenzeit, in der die Konturen der heutigen Welt bereits erkennbar sind. Nach der bedingungslosen Kapitulation tagt in Flensburg die letzte nationalsozialistische Reichsregierung. Großadmiral Karl Dönitz inszeniert sich als legitime Übergangsinstanz. Die Alliierten dulden das Schauspiel – vorerst. So entsteht für wenige Wochen eine Zwischenzeit voller überraschender Neuanfänge: Albert Speer beginnt hier mit der Konstruktion seines Mythos vom unpolitischen Experten. Die Pilotin Beate Uhse legt den Grundstein für den größten Erotik-Konzern der Welt. Der britische Geheimdienstoffizier Ian Fleming sammelt Eindrücke, Figuren und Motive – für das, was später James Bond werden soll. Auch der junge Siegfried Unseld gehört zur Szenerie – er wird einer der bedeutendsten Verleger der Bundesrepublik. Im Norden kreuzen sich die Wege von Tätern, KZ-Häftlingen und Mitläufern. Es ist eine Zeit zwischen Kontinuität, Abrechnung und Neuanfang – in erstaunlichen Konstellationen. In ihrer packenden Darstellung schildert Svenja Falk diese kaum bekannte Übergangszeit auf Basis erstmals ausgewerteter Quellen – und zeigt, wie sich in diesen Tagen bereits die großen Linien der Nachkriegszeit abzeichnen.
Die Autorin
Die Fördestadt als Regierungssitz der letzten nationalsozialistischen Regierung – selbst der Politologin und gebürtigen Flensburgerin Svenja Falk war dieses Geschichts-Kapitel fremd. „Neugierig begann ich zu recherchieren – und stellte schnell fest, dass ich mit meiner Wissenslücke nicht allein war“, schreibt sie im Vorwort zu ihrem Buch, das das Ergebnis dieser Recherche ist. Svenja Falk (Jahrgang 1964) ist Honorarprofessorin an der Universität Gießen. Sie ist verantwortlich für Markt- und Trendstudien sowie Strategieentwicklung.
Hitlers Nachfolger: Dönitz
Am 30. April 1945 hatte Hitler im Führerbunker Selbstmord begangen. In seinem politischen Testament hatte er das Kabinett Goebbels als Nachfolger bestimmt. Allerdings waren große Teile Deutschlands zu diesem Zeitpunkt bereits besetzt. Die neue „Regierung“ hatte ihren Sitz anfänglich in Plön und Eutin. Am 1. Mai beging Goebbels Selbstmord. Am späten Abend verkündete Dönitz seine Nachfolge, am 2. Mai verlegte er den Regierungssitz nach Flensburg.
Drei chaotische Wochen
Was folgte, waren drei chaotische Wochen, denn „das Alte hatte seine Ordnungskraft verloren, das Neue war noch nicht gefestigt“, so Svenja Falk. Zudem wird die Stadt von Flüchtlingen geradezu überflutet. Darunter auch etliche Nazigrößen, die über die „Rattenlinie Nord“ untertauchen wollen.
Svenja Falk schildert die Entwicklung chronologisch, beginnend mit dem 30. April 1945. Das Buch endet mit dem 23. Mai, mit der Verhaftung von Dönitz und seiner Regierung.
Etliche Orte wird man nach der Lektüre mit anderen Augen betrachten. Die Sportschule am Rande der Marineschule Mürwik. Hier hielt sich die Regierung auf. Das Glücksburger Schloss, das als Rückzugsort für hochrangige NS-Offiziere galt, den Flensburger Hafen, wo die „Patria“ lag. Auf dem Schiff hatten Dönitz und etliche Offiziere Quartier bezogen. Immer wieder fließen Berichte von nicht-militärischen Zeitzeugen ein, was diese Kapitel teilweise sehr lebendig macht.
Als ehemalige Redakteurin des „Flensburger Tageblatts“ hat mich der 11. Mai, die „Geburtsstunde der freien Presse“, sehr interessiert. Allerdings hätte ich mir mehr Details gewünscht und gerne erfahren, wie es später weitergegangen wäre.
Bei den folgenden Biografien geht Falk nach dem Alphabet vor. Da mir etliche Namen nichts sagten, bin ich nach den ersten dazu übergegangen, mich nicht an die Reihenfolge zu halten und mir einige herauszupicken. Die genannten tauchen auch in den Texten zuvor auf, ein bisschen verwirrend, warum dann noch diese „Biografien“? Im Zusammenhang oder mit einem Querverweis wäre das nutzerfreundlicher gewesen.
Der anschließende Literaturanhang ist ausgesprochen interessant, gibt er jenen, die noch mehr zu dem Thema lesen möchten, Hinweise auf Bücher, die teilweise von Flensburgern stammen.
Fazit
Die Chronologie macht Sinn, weil so die Entwicklung gut nachzuvollziehen ist. Danach folgen kurze Biografien. Die alphabetische Reihenfolge gewichtet nicht, die Zuordnung nicht einfach macht. Ein erzählender roter Faden wäre aber vielleicht besser gewesen. Daher ein halber Stern Abzug für ein Buchprojekt, das man ansonsten nur lobend hervorheben kann.
„Die letzten Tage der Diktatur“, Svenja Falk
256 Seiten, 24 Euro, Klett Cotta, VÖ 14. März 2026
- „Totenland“, ein packender historischer Krimi. Ein psychisch angeschlagener Kommissar ermittelt in Flensburg und Umland in den letzten Tagen des Krieges.
- Der zweite Teil, ebenso packend
