Rezension – Daniele Palu: Marconi und die schweigenden Lämmer

Ein Italiener ermittelt an der Nordsee, 3 ◼️

Bewertung: 4 von 5.

Nein, auch nach drei Monaten hat sich Massimo Marconi noch nicht so richtig mit dem Umzug von München nach Nordfriesland abgefunden. Nach wie vor lebt der Krimi von dem Spannungsfeld zwischen italienischem und nordfriesischem Lebensgefühl – und dem Frust des ehemaligen Kommissars, nur noch ein Streifenpolizist zu sein. Was ihn aber nach wie vor nicht daran hindert, auf eigene Faust zu ermitteln. Dieses Mal in einem ziemlich undurchsichtigen Fall.

Verlagsinfo

Marconi macht Bekanntschaft mit Nordfrieslands heimlichen Wahrzeichen: den Schafen. Nur drei Monate nach seinem unfreiwilligen Umzug zu den Nordlichtern geschieht ein Mord auf der sonst so beschaulichen Halbinsel Eiderstedt: Der Immobilienmakler Jonas Torp wird tot im Trog einer Schafskäsemanufaktur aufgefunden. Wieder einmal ergreifen Marconi und seine Kollegen nur allzu gern die Ermittlungsinitiative. Diesmal werden sie von den sogenannten Bäderdienstlern unterstützt, die ihren Dienst in der Polizeistation St. Peter-Ording ableisten und sich dabei nicht gerade mit Ruhm bekleckern. Neben den Ermittlungen versucht Marconi weiterhin, den rätselhaften Tod seines Bruders Nevio aufzuklären. Zum Glück sind seine Nichte und sein Neffe zurzeit bei den Großeltern, denn der Fall um die Leiche in der Käserei fordert schon bald Marconis ungeteilte Aufmerksamkeit – und eins steht fest: Hinter dem Mord steckt eine Tragödie von noch viel größeren Ausmaßen. 

Norddeutsche Besonderheiten

Es fängt undurchsichtig an. Ein Anruf, kein Toter, später doch ein Toter. Und eine ganze Weile tappt der Leser genauso im Dunkeln wie Marconi und seine Kollegen. Während sie Versuchen, Licht in die Angelegenheit zu bringen, muss Marconi entdecken, dass Schafe ihn mögen. Und er hadert weiterhin mit Land und Leute. Es gefällt ihm gar nicht, dass er ständig geduzt wird. Tja, das ist eben typisch norddeutsch. 

Genau wie eine Reihe von sehr speziellen Ortsnamen, die Daniele Palu aufs Korn nimmt. Ehrlich gesagt – als Einheimischen wird ihre Merkwürdigkeit gar nicht mehr bewusst.

„Wenn Sankt Peter-Ording ein Kaff war, dann war Witzwort genau das: ein Witz in der Landschaft. Noch vor Kotzenbüll in unmittelbarer Nachbarschaft, platzierte Marconi Witzwort an die Spitze seiner Liste mit den absurdesten Ortsnamen.“

Wurster Nordseeküste? Auch da meint der Kommissar aus München, sich verhört zu haben. Na ja, sind auch alles gewöhnungsbedürftige Namen. Dieser Blick von außen auf die norddeutschen Eigenheiten ist ein Plus der Bücher.

Es kann übrigens nicht schaden, sich zur Lektüre ein bisschen Schafskäse aus Nordfriesland zu besorgen. Vielleicht aus der Friesischen Schafskäserei in Tetenbüll (www.friesische-schafskaeserei.de), der ist nämlich sehr lecker. Und schließlich spielen Schafe und Käseherstellung eine wichtige Rolle.

Bäderdienstler kommen an zahlreichen Küstenorten während der Hochsaison zum Einsatz. Allerdings werden wohl die Wenigsten wie diese hier daherkommen, wie Dick und Doof – na ja. Ebenfalls na ja, Massimos Techtelmechtel.  

Aber wir erfahren, was Massimo und seinen Bruder Nevi so entzweit hat, dass er diesen und seine Familie nie besucht hat. 

Sehr gut: Der Bezug zu der Wasserproblematik, von der ich zuvor nichts gehört hatte und die ich an dieser Stelle leider nicht weiter beschreiben kann, denn es würde zu viel vorweg nehmen. Hierzu ist Palus Nachwort sehr interessant.

Fazit

Ernsthaft oder witzig? Das ist die Frage, die sich für die künftigen Marconi-Krimis stellt. Mir hat bisher der ernsthafte Marconi am besten gefallen, denn die Zutaten (Italiener in Nordfriesland, plötzlich Alleinerziehender mit zwei Kindern) sind mehr als ausreichend für einen besonderen Krimi, vor allem, wenn er dann noch mit aktuellen Thematiken kombiniert wird.

Dieses Mal war ich ein bisschen hin- und hergerissen. Die Slapstick-Anteile (Bäderdienstler) haben mir nicht gut gefallen. Aber die dem Fall zugrunde liegende Problematik war mir bisher unbekannt und von daher für mich ein Erkenntnisgewinn. Insgesamt spannend und unterhaltend, darum solide vier Sterne.

>> Sehr empfehlenswert: Der erste Fall Marconi und der tote Krabbenfischer

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