Glück, Witz, Verstand und ein heiteres Herz

Der Reimekünstler von der Insel Helgoland / 100. Geburtstag von James Krüss

Er lächelt verschmitzt und legt den Finger auf den Mund. Und so ist er auf Helgoland momentan allgegenwärtig. Schließlich wird dort am heutigen 31. Mai sein 100. Geburtstag gefeiert. Aber nicht nur dort. In Artikeln, mit Lesungen und Neuauflagen seiner Bücher wird landauf, landab an James Krüss erinnert.

Faszination Hummerbude

Wer mit der „Helgoland“ den roten Felsen in der Nordsee ansteuert, wird bereits an Bord mit James Krüss konfrontiert. „Irgendwo ins grüne Meer, hat ein Gott mit leichtem Pinsel …“ ist dort sein Helgoland-Gedicht an einer Wand zu lesen. Kurz nach der Ankunft führt der Weg an den bunten Hummerbuden vorbei zum Ortskern. Vor einer hat sich eine Menschentraube gebildet. Über der Tür prangt der typische James-Krüss-Schriftzug. Hier gibt es seine Bücher, und vom Mann an der Tür interessante Geschichten dazu.

Das Geschichten-erzählen scheint in der weitläufigen Familie Krüss und ebenso ihren angeheirateten Mitgliedern im Blut zu liegen. Wie das so war in der Hummerbude erzählt Krüss in seinem Erfolgsbuch „Mein Urgroßvater und ich“. 

Die Hummerbuden am Hafen. Zweite von links: James Krüss. © Sopha

Fantasie und Witz

„Mein Urgroßvater und ich“, „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen“, „Tim Thaler“, „Henriette Bimmelbahn“ – das sind nur einige Werke des Dichters von der Insel Helgoland.

„James Krüss gehört zu den großen deutschen Kinderbuchautoren. In seinem vielfältigen Werk zeigt sich seine endlose Fantasie, sein sprachlicher Einfallsreichtum, sein unnachahmlicher Witz und seine Fähigkeit, Kinder für Sprache und Geschichten zu begeistern – und das über alle Medien hinweg“, 

würdigt ihn der Atrium Kinderbuch-Verlag, in dem einige Krüss-Bücher erscheinen, darunter eine wundervolle Biografie für Kinder und Erwachsene. Darin ist unter anderem nachzulesen, wie Krüss zum Dichten kam, warum er Helgoland verlassen musste und später auf Gran Canaria lebte.

Helgoland und der Krieg

Aber der Reihe nach. 

Geboren wurde James Jacob Hinrich Krüss am 31. Mai 1926 auf der Nordseeinsel Helgoland als Sohn eines Elektrikers und einer Hummerfischertochter.

„Am letzten Maitag 1926, am Nachmittag, kam ich verspätet, aber gern zur Welt. Weiße Segel umkreisten die Insel, die Hebamme duftete nach Rosen (sie war auch die einzige Blumenhändlerin der Insel) und meine Mutter sang. Nur mein Vater weinte,“

schrieb er in seiner „Autobiographischen Skizze“. Dies und vieles mehr lässt sich übrigens auf der Webseite www.jameskruess.de nachlesen. Eine launige, stichwortartige Biografie hat er übrigens selbst verfasst. Sie ist im Buch „Historie von der schönen Insel Helgoland“ abgedruckt. Dort heißt es: „1928. Geburt der Schwester Erni, der der Bruder bei der ersten Besichtigung eine Ohrfeige gibt.“ Aber auch: „1930. Geburt der Schwester Marlis. Vater arbeitslos, hat also Zeit für seinen Jungen. Dessen Berufswunsch: arbeitslos.“

Dazu kommt es allerdings nicht. Mit nur 16 Jahren enden Kindheit und Jugend auf dem roten Felsen in der Nordsee. Die Insel wurde im Zweiten Weltkrieg so schwer zerbombt, dass alle Einwohner evakuiert wurden. Mit knapp 18 Jahren wird Krüss NSDAP-Mitglied, meldet sich freiwillig zur Luftwaffe. Aber er hat Glück, lebt am Ende des Krieges und macht sich von der böhmischen Grenze auf Richtung Heimat. Zuerst zu Fuß, später per Fahrrad. Auf dieser Tour erfährt er von den Gräueltaten der Nazis.

„Die Erfahrungen aus diesen Kriegsmonaten und der Heimkehr haben sich James tief eingeprägt. Es wurde ihm sehr wichtig, mit seinen Geschichten und Gedichten zu einer menschenfreundlicheren, gerechteren Welt beizutragen, zu einer Welt ohne Waffen“, schreiben Paula Peretti und Dorthe Voss in ihrer Krüss-Biografie. 

Dichter statt Lehrer

Der junge James beendet ein Lehramtsstudium. Aber er lieber will er lernen als lehren  – und schreiben. 1948 zieht er nach Hamburg zum Verleger Max Bruhn und wird selbst Verleger. 

„Mit List und Glück gelang es mir, weil ich einen alten harmlosen Club von Helgoländern in Hamburg vorschob, von der Britischen Besatzungsmacht die Lizenz Nr. 1 für ein Monatsblättchen zu erhalten.” Es nannte sich: „Helgoland, ein Mitteilungsblatt für Hallunner Moats“ – für Helgoländer Freunde. Für die jetzt verstreut lebenden Helgoländer ist es wichtig für den Zusammenhalt. 100 Ausgaben werden erscheinen und am Ende entsteht daraus die „Historie von der schönen Insel Helgoland“. Vor allem aber legt es den Grundstein für James als Schriftsteller. 

Seit 1949 lebt er in München. Dort macht er die Bekanntschaft von Erich Kästner, der zu einem Freund und Unterstützer wird. 

Drei Mal James Krüss (von links): Schreibend 1963. Mit einer Grafik von Eva Johanna Rubin. Und das ikonische Foto mit Pudelmütze, die ihm sein Lebensgefährte gestrickt hatte. © Erbengemeinschaft Krüss (2), Hans Grimm München.

Reisen und Schreiben

James reist viel. Nach Italien, Holland, an die Adria, nach Ungarn. Und schreibt.  1953 veröffentlicht er sein erstes Bilderbuch („Hanselmann reist um die Welt”), 1956 seinen ersten Erzählband („Der Leuchtturm auf den Hummerklippen“), der für den frisch geschaffen Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wird. Vier Jahre später gewinnt er die Auszeichnung für „Mein Urgroßvater und ich”.

Sein Talent, große Gedanken klar und eingängig, mit wenigen Worten, aber viel Witz und Hintersinnigkeit zu verpacken, macht Krüss’ Texte so beliebt. Sein Wegbegleiter, Förderer und Freund Erich Kästner bringt den Grund auf den Punkt:

 „[…] weil der gute Jugendschriftsteller, außer dass er ein guter Schriftsteller ist, noch etwas anderes sein und geblieben sein muss: ein Kind, ein lebenslängliches Kind.”

Dank dieser Fähigkeit erhielt Krüss in den 1960er Jahren nicht nur eigene kinderliterarische Fernsehshows und gewann zahlreiche kleine und große Fans, sondern wurde auch mit dem Deutschen Jugendbuchpreis und der Hans-Christian-Andersen-Medaille ausgezeichnet. Krüss selbst sagt: „Wer Glück, Witz, Verstand und ein heiteres Herz hat, der kann mit zwei Wörtern viel ausrichten auf der Welt.“

Privatleben

Und privat? Da halten sich Informationen in Grenzen. Denn James Krüss war homosexuell. Das kann heute offen kommuniziert werden, was zu seinen Lebzeiten undenkbar war. Denn der Paragraph 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern in Deutschland unter Strafe stellte, wurde erst im Jahr 1994 abgeschafft, wenige Jahre vor dem Tod des Dichters. Doch Krüss lernte 1966 den 24-jährigen Darío Pérez kennen – und lieben. 31 Jahre haben sie gemeinsam auf Gran Canaria zusammengelebt. Heute ist Pérez 83 Jahre alt, wohnt nach wie vor in La Calzada, wo ihn Friederike Oertel getroffen und in der ZEIT darüber sehr einfühlsam geschrieben hat.

Nachlass

James Krüss starb am 2. August 1997 in seinem Haus auf Gran Canaria und wurde am 27. September 1997 vor Helgoland auf See bestattet. Sein Nachlass wird von der Krüss Erbengemeinschaft verwaltet, die auch mit einer umfangreichen Webseite über sein Leben und Werk informiert. Der literarische Nachlass wird in der Internationalen Jugendbibliothek München (IJB) aufbewahrt. Dort steht auch der James-Krüss-Turm, in dem unter anderem  Originalausgaben der Krüss-Bücher, Manuskripte, Illustrationen und Buchentwürfe des Autors, Korrespondenz mit befreundeten Künstlern und vieles mehr aufbewahrt werden.

Begegnungen auf Helgoland (von links): In der Krüss-Hummerbude am Hafen. Das Geschäft „Önnersbansken“. In der Museums-Hummerbude, wo man ihm lauschen kann. © Sopha

Aber am besten begegnet man James Krüss auf Helgoland. In der Hummerbude am Hafen, wo es seine Bücher gibt und manchmal Geschichten dazu. Oder im Geschäft „Önnersbansken“. Und natürlich im Museum, wo ihm zwei Hummerbuden gewidmet sind und sein Geburtstag heute bunt und fröhlich gefeiert wird. Im Museum sind auch die Werke von Künstlerinnen und Künstlern gezeigt werden, in der sie mit dem ikonischen Foto von James Krüss, auf dem er eine Mütze trägt und seinen Zeigefinger an den Mund legt, ein eigenes Werk gestalten (siehe ganz oben).

Wer mehr wissen und lesen möchte >> James Krüss: Bücher und Veranstaltungen

*Zitate und Informationen von den James-Krüss-Webseiten sowie aus der Pressemitteilung des Atrium Kinderbuch-Verlages. 

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