Deutsche Autoren über die Stadt

Sehnsuchtsziel Lissabon. Die Stadt am Tejo hat eine bewegende Geschichte. Und ist in den vergangenen hundert Jahren literarischer Gegenstand zahlreicher deutscher Autoren gewesen (und ist es heute noch). Eine wichtige Rolle spielte sie im Zweiten Weltkrieg, als viele Flüchtlinge von hier aus nach Amerika auswandern wollten. Ein Thema für zahlreiche Bücher.
Heute Touristenmagnet …
Heute ist Lissabon ein touristisches Superlativ: 5,2 Millionen Besucher registrierte die Stadt am Tejo im Jahr 2024. Und das bei lediglich 545.796 Einwohnern (Stand April 2021). Laut Euronews ist die portugiesische Hauptstadt auch in anderer Hinsicht Spitze. Sie gilt als weltweit lebenswerteste Stadt für Expats. Doch wer heute durch die Alfama oder Baixa streift, weiß in den seltensten Fällen, welche Rolle die Stadt während des Zweiten Weltkriegs spielte.
… damals „Wartesaal“
Portugal war eines der wenigen europäischen Länder, die neutral geblieben waren. Die Philosophin Hannah Arendt, der Schriftsteller Heinrich Mann und der Künstler Man Ray gehörten zu jenen, die hier auf ein Schiff warteten, das sie in die USA bringen sollte. Rund 100.000 Menschen waren es zwischen 1940 und 1944. Einen umfangreichen Überblick über die damalige Situation bietet der Beitrag „Fluchtpunkt Lissabon“ des Deutschlandfunks. Für sehr viele war es ein langes Warten. Manchmal ohne glückliches Ende. Das beschreibt Hannah Arendt eindringlich in ihrem Essay „We Refugees“ (Wir Flüchtlinge) von 1943.
»Die Gemeinschaft der europäischen Völker zerbrach, als – und weil – sie den Ausschluss und die Verfolgung seines schwächsten Gliedes duldete,«
lautet der letzte Satz ihres Essays, der heute auf einer Tafel in der Rua Sociedade Farmacêutica 6 vor jenem Haus zu lesen ist, in dem sie wohnte. Mehr zum „Wartesaal Lissabon“ > hier
Das wohl bekannteste Buch, das diese Zeit schildert, ist inzwischen ein Klassiker: „Die Nacht von Lissabon“ von Erich Maria Remarque.
Auch die österreichische Schriftstellerin Sabine Scholl thematisiert die Flucht deutscher Künstler in ihrem 2024 erschienen Buch „Transit Lissabon“.
Und im September wird von Alexander Smoltczyk „Lissabon 1941: Stadt der Spione, Hafen der Hoffnung“ erscheinen, das anhand der Schicksale von Josephine Baker, den verjagten Windsors, Hannah Arendt und James Bond diesen Warteraum zwischen Hölle und Himmel schildert.
Der argentinische Schriftsteller Leopold Brizuela hat diese Zeit in dem Roman „Nacht über Lissabon“ verarbeitet.
Bewegender Roman zwischen gestern und heute
Die schleswig-holsteinische Autorin Birte Stährmann verwebt in ihrem Roman „Schatten und Licht in Lissabon“ auf geschickte Weise Vergangenheit und Gegenwart. Die geglückte Flucht einer deutschen Familie in die portugiesische Hauptstadt und die Situation der Flüchtlinge werden eindringlich beschrieben. Jahre später begibt sich eine junge Frau auf Spurensuche in der Tejo-Stadt.
Nur sehr wenig erinnert noch an die Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg. Geholfen hat Birte Stährmann bei ihren Recherchen das Erinnerungscenter in Estoril. Leider existiert es nicht mehr.
Das Exiles Memorial Center
(portugiesisch: Espaço Memória dos Exílios) befand sich in Estoril, Portugal, und beherbergte eine Dauerausstellung aus Fotografien, Dokumenten und Objekten, die sich auf die Geschichte von Flüchtlingen bezogen, welche sich im Zeitraum zwischen 1936 und 1955 im Raum Cascais/Estoril in Portugal aufhielten. Das im Februar 1999 eingeweihte Memorial Center war oberhalb des Postamts von Estoril in einem Gebäude untergebracht, das vom portugiesischen Architekten Adelino Nunes entworfen worden war. Das Gebäude wurde im Jahr 1942 eröffnet. Das Hauptziel des Memorial Centers bestand darin, „die Erinnerung an eines der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte [Portugals] wachzuhalten: die Rolle des Landes als Ort der Zuflucht, des Wartens und des Durchgangs für Tausende von Exilanten und Flüchtlingen im Kontext europäischer Konflikte“ – insbesondere während des Zweiten Weltkriegs. Das Memorial Center war für die Öffentlichkeit zugänglich, bis es am 24. April 2023 durch den Stadtrat geschlossen wurde. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist unbekannt, ob die Schließung dauerhaft sein wird oder ob die Gedenkstätte an einen anderen Ort verlegt wird. (Übersetzung vom Eintrag im englischen Wikipedia)
Salazar und die Nelkenrevolution
Während des Zweites Weltkrieges war Salazar Ministerpräsident in Portugal. 1933 hatte er sein „Estado Novo“ errichtet, mit einem Einparteiensystem. Mit der Nelkenrevolution vom 25. April 1974 wurde die Diktatur beendet. Nachzulesen in „Die Nelkenrevolution und ihre Folgen: Der portugiesische 25. April 1974 in Literatur und Medien“.
Die Ära der Diktatur beleuchtet Urte Sperling in „Die Nelkenrevolution in Portugal“, einer kompakte, politikwissenschaftliche Analyse.
„Die vergessene Revolution” von Jochim Stengel greift die historischen Abläufe auf und macht das historische Lissabon während der Umsturztage erlebbar.
Ein Liebesroman, der unter anderem während der Nelkenrevolution spielt, ist „Nelkenliebe“ von Anja Saskia Beyer.
Das Erdbeben

Was viele nicht wissen: Am 1. November 1755 vernichteten ein Erdbeben mit Tsunami und anschließendem Feuer die Stadt am Tejo. Es soll fast 100.000 Tote gegeben haben. Ein historischer Stoff, der merkwürdigerweise bisher kaum Autoren inspirierte.
Einer der wenigen ist Titus Müller. In dem historischen Roman „Die Jesuitin von Lissabon“ nutzt ein Naturwissenschaftler die Zerstörung der Stadt durch das Beben, um sich an den Jesuiten zu rächen, gerät jedoch durch die Wirren der Katastrophe in Lebensgefahr.
Bernd Kessens hat eine dramatische Erzählung über „Das Erdbeben von Lissabon“ geschrieben. Eingebettet in diese Erzählung ist eine Liebesgeschichte.
Außerdem
Der „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier ist ein moderner Klassiker, der viele Leser in die Stadt zieht.
„Lissabon. Eine Stadt in Biografien“, Bettina Winterfeld
„Neun Tage in Lissabon”, Hervé le Tellier
„Liebe in Lissabon“, Annegret Heinhold
„Leiser Tod in Lissabon“, Catrin George Ponciano (Krimi)
Über Dichter und Musiker
Catrin George Ponciano lebt in Portugal und hat sich ausführlich mit Menschen und Geschichte beschäftigt. Von ihr sind erschienen:
„Amália Rodrigues in Lissabon“, Catrin George Ponciano
„Das Lissabon des Fernando Pessoa“, Catrin George Ponciano
Dazu mehr in der nächsten (dritten) Folge der Serie.
Die Serie
- Lissabon literarisch, Teil 1: Die Stadt der Dichter / Portugiesische Schriftsteller und ihre Liebe zur Hauptstadt
- Lissabon literarisch, Teil 3: Mit Catrin Ponciano auf den Spuren von Literatur, Fado und Geschichte
- Lissabon literarisch, Teil 4: Streifzüge durch Lissabon, Reiseführer
