Rezension – Ehmer: Heldinnen der Meere

Sechszehn Frauen und ihr Leben für die Ozeane ◼️ 

Bewertung: 5 von 5.

Es gibt Bücher, die man gerne in die Hand nimmt, gerne anschaut und natürlich auch gerne liest. Dieses außergewöhnliche Werk zählt dazu. In jeder Hinsicht ist es wunderbar. 

Verlagsinfo

Eine Umweltaktivistin, die allein auf einer abgelegenen Insel lebt. Eine Schwimmerin, die als erste Frau den Ärmelkanal durchquert. Eine Freibeuterin, die sich am König rächt. Auch wenn Epochen und Kontinente zwischen den Leben von Zoe Lucas, Trudy Ederle und Jeanne de Clisson liegen, verbindet sie doch eines: das Meer. In 16 packenden Kapiteln porträtiert Kerstin Ehmer »Heldinnen der Meere« aus Wissenschaft, Kunst, Sport, Kultur und Mythologie – darunter bekannte Namen wie Virginia Woolf und Elisabeth Mann Borgese, aber auch die bislang wenig wahrgenommenen Biografien der Amerikanerin Marie Tharp, die die ersten präzisen Karten des Meeresbodens zeichnete, oder der Isländerin Thurídur Einarsdóttir, die im 19. Jahrhundert als unerschrockener »Vormann« mehrerer Fischerboote ausfuhr und mit ihren Mannschaften Rekordfänge an Land brachte. 

Göttin, Forscherin, Piratin

Ich bin ehrlich: Virginia Woolf kenne ich natürlich, auch Elisabeth Mann Borgese ist mir ein Begriff. Aber von den übrigen Frauen hatte ich noch nie etwas gehört. Obwohl … natürlich ist Aphrodite, die griechische Göttin der Schönheit, Liebe und sinnlichen Begierde keine Unbekannte für mich. Doch ich wäre nicht auf die Idee gekommen, sie mit dem Meer in Verbindung zu bringen. Aber: Die Sagenfigur macht den Anfang im Reigen der Meers-Heldinnen. Denn sie wurde vom Meer geboren, vom Schaum der Gischt, und bei der Insel Kythera an den Strand gespült. 

Mit diesem Anfang unter dem Titel „Am Strand“ wird deutlich, dass es sich bei diesem Buch um eine außergewöhnliche Anthologie handelt. Gegliedert ist sie nicht etwa chronologisch oder den Berufen der Frauen, sondern nach der Meeresbiografie.

Und weil Pat de Groot (1930-2018) am Strand von Provincetown im US-Bundesstaat Massachusetts lebte, ist ihr der zweite Beitrag gewidmet. Die US-Künstlerin malte nicht nur das Meer, sondern lebte mit ihm. Eine 1,50 Meter große, energiegeladene Frau, die in einem Kajak vor der Küste Nova Scotias paddelte und unter anderem Wale beobachtete. Eigenwillig lebte sie ein unkonventionelles Leben.

„Sind sie Vorbilder? Nicht unbedingt, aber jede von ihnen entwickelte eine originäre Beziehung zum Meer,“

sagt Kerstin Ehmer von den porträtierten Frauen. Und genau das macht ihre Zusammenstellung so hochinteressant. Noch dazu hat sie ihre Beiträge als spannende Geschichten aufgebaut, bei denen die Chronologie ebenfalls in den Hintergrund tritt.

Überraschend und schön gestaltet

Ein weiterer Pluspunkt des Buches: Man liest es nicht nur gerne, sondern man hält es gerne in der Hand, schaut es sich an. Das liegt zu einem an dem griffigen Papier, aber vor allem an den großartigen Illustrationen von Astrid und Robert Nippolt. Mit einer zweiseitigen Zeichnung wird jedes Kapitel eingeläutet. Jedem Beitrag ist dann eine Porträtzeichnung der betreffenden Frau vorangestellt, eine kleine erklärende Illustration beendet ihn. Alles in einem angenehmen, tiefen Blau. Allein das Cover kann man lange betrachten und entdeckt immer wieder bemerkenswerte Details. 

Illustratoren und Autorin

Astrid und Robert Nippoldt gehören zum Studio Nippoldt, das sie gemeinsam mit ihrer Schwester Christine betreiben und sich dabei auf Editorial-Illustration im Bereich Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur spezialisiert haben.

Kerstin Ehmer (Jahrgang 1965) ist Fotografin, Sachbuch- und Romanautorin. Und Gastronomin. 

Fazit

Eine ungewöhnliche Mischung von Biografien, die vielfach angenehm überrascht, und die Faszination des Meeres deutlich macht. Zusammen mit den außergewöhnlichen Zeichnungen für mich jetzt schon eines der schönsten und bemerkenswertesten Bücher des Jahres. 

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