Auf der Suche nach einem Paradies auf Erden ◼️

Dies ist nicht einfach ein Gartenbuch. Es sind philosophische Betrachtungen zu Garten-Geschichte und -Kultur, dazu autobiografische Schilderungen. Ein bemerkenswerter Ansatz und hochinteressant. Entsprechend wurde das Buch von der Kritik gefeiert, war Nr. 1 „Sunday Times“-Bestseller.
Verlagsinfo
Ein überwuchertes Eden voller ungewöhnlicher Pflanzen und Geheimnisse: Im Jahr 2020 beginnt Olivia Laing, eine der renommiertesten literarischen Stimmen Englands, mit der Restaurierung eines verwunschenen Gartens in Suffolk. In der Erkundung von Sehnsucht und Vergänglichkeit erzählt Laing vom Werden eines Paradieses, bewegt sich zwischen realen und imaginären Gärten der Kulturgeschichte, hinterfragt die manchmal schockierenden Kosten für die Schaffung eines Ideals und macht den Garten als einen explosiven Ort der Rebellion und gemeinschaftlicher Träume aus. Nicht nur unwahrscheinliche queere Utopien und konkrete Visionen eines idealen Zusammenlebens erzählen davon, dass inmitten von Blumenbeeten schon immer neue Lebensformen ausprobiert wurden.
Der Wunsch, einen Garten anzulegen
Es ist eine Mischung aus Biografie und Gartenbuch. „Seit meiner Kindheit hatte ich mir einen Garten gewünscht, weit mehr noch als ein Haus“, erklärt Olivia Laing gleich zu Beginn des Buches. Und so lautete ihre Lieblingsregel: „Es lohnt sich immer, einen Garten anzulegen, und sei dein Aufenthalt auch noch so kurz“. Eine bewundernswerte Einstellung, ist doch kaum etwas frustrierender, als ein Stück Erde mühsam zu beackern und zu gestalten, um es dann anderen Menschen überlassen zu müssen – gerade, wenn sich die ersten Früchte der Arbeit zeigen. Dennoch pflanzte Laing unbeirrt. Bis es im Alter von über 40 Jahren eine Wende gab. Nicht nur Corona brachte die Welt zum Stillstand. Sie verliebte sich auch und heiratete den Cambridge-Professor, Dichter und Übersetzer Ian Patterson.
Gemeinsam suchten sie nach Haus und Garten. Beides fanden sie in einem Anwesen in Suffolk. Es war Liebe auf den ersten Blick. Es war
„ … ein Haus, das bis unter die Dachrinne mit Rosen berankt war, die in weiten Schwüngen an der Hauswand emporkletterten, so dass ein Strauß Blumen an jedes Fenster klopfte. Die Haustür wurde flankiert von zwei kunstvoll beschnittenen Buchsbaumbüschen, die an überdimensionale Cupcakes gemahnten. Es sah genauso aus wie die wuchtigen, viereckigen Häuser mit Kamin, die ich als kleines Mädchen gemalt hatte, ein Inbild der Verwurzelung, nach der ich mich in all den Jahres des Zweifelns und der Ungewissheit so fürchterlich gesehnt hatte.“
Die Anlagen hatte der Gärtner Mark Rumary von Nutcutts gestaltet. Laing hatte noch nie was von ihm gehört und wohl auch die wenigsten deutschen Leserinnen und Leser und über den auch das Internet auf Deutsch nichts bzw. wenig preisgibt. Aber das Unternehmen Notcutts ist bekannt und wurde auf der Chelsea Flower Show mehrfach ausgezeichnet. Das Paar kaufte das Haus – und Oliva Laing hatte viel Arbeit vor sich.
Autorin
Olivia Laing, geboren 1977, ist eine international renommierte Schriftstellerin und Kritikerin, Fellow der Royal Society of Literature und wurde 2018 mit dem Windham Campbell-Preis ausgezeichnet. Laings Bücher wurden in einundzwanzig Sprachen übersetzt, auf Deutsch erschienen zuletzt »Zum Fluss«, »Die einsame Stadt« und »Everybody«. »Der Garten und die Zeit«, ihr erstes Buch bei S. Fischer, wurde von der Kritik gefeiert, war Nr. 1 »Sunday Times«-Bestseller und stand auf der Shortlist für den Wainwright-Preis.
Die Suche nach dem Paradies
Die Verwahrlosung des Grundstücks, die Arbeit, und die Freude über die Entdeckung bestimmter Pflanzen schildert Laing wortgewandt und eindrucksvoll, um immer wieder philosophische Gedanken oder sozio-kulturelle Aspekte einfließen zu lassen – zum Beispiel, dass zwar 88 Prozent der britischen Bevölkerung Zugang zu irgendeiner Art von Garten haben. Jedoch Schwarz wesentlich seltener. Dabei haben deren Vorfahren einen nicht unerheblichen Anteil an der Gestaltung der grünen Refugien auf der britischen Insel. Ein Aspekt, den die Autorin ausführlich behandelt. Auch der Frage, woher der Begriff Paradies kommt, widmet sie sich, um dann wieder poetisch die Tücken der Gartengestaltung zu beschreiben, wie sie wohl schon viele Gärtner erlebt haben.
Fazit
Es sind quasi zwei Bücher in einem. Die fast philosophischen Passagen machen die Lektüre nicht immer einfach. Es ist Konzentration gefragt. Dann ist nicht Entspannen angesagt, sondern zum Mit- und Nachdenken. Die persönlichen Erfahrungen der Autorin wiederum lesen sich angenehm.
„Der Garten und die Zeit“, Olivia Laing (Autorin), Thomas Mohr (Übersetzer)
384 Seiten, 26 Euro, S. Fischer, VÖ 23. April 2025
