
Der Umgang mit der Natur, schwierige Lebenssituationen – davon handeln die Bücher von Sharon Gosling. Dieses Mal ist der Schauplatz ein verwunschener, alter Wald im englisch-schottischen Grenzgebiet, in dem eine junge Frau einen verrückt klingenden Plan verwirklichen möchte.
Verlagsinfo
Saskia Tilbury-Martin hat viele Wochenenden ihrer Kindheit damit verbracht, mit ihrem Vater durch den Wald zu streifen. Besonders zum Schloss Gair, einer Ruine mitten im Wald, kehrten die beiden immer wieder zurück. Jahre später, nach dem Tod des Vaters und an einem absoluten Tiefpunkt in ihrem Leben angekommen, beschließt Saskia, das Stück Land mit der alten Ruine zu kaufen und zu renovieren. Kurzerhand zieht sie mitten in den uralten Wald und wohnt während der Bauarbeiten in ihrem Tiny House auf Rädern. Der Bauleiter Owen Eliott hält nicht viel von der distanzierten Londonerin und ihrem utopischen Vorhaben. Doch die Herausforderung kommt zur rechten Zeit: Seine Ehe ist gerade zerbrochen und er braucht den Auftrag, um seiner Tochter eine Zukunft bieten zu können. Als sich Saskia und Owen immer mehr unerwartete Hindernisse in den Weg stellen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als an einem Strang zu ziehen. Und so lernen die beiden langsam, dass der erste Eindruck nicht immer stimmt und dass Zuhause weit mehr als nur ein Ort sein kann.
Ein alter Wald voller Leben und Geheimnisse
Nein, vergessen ist er nicht, der Wald dieses Buches, der im Grenzgebiet zwischen England und Schottland liegt. Aber er ist sehr alt, und „einer der wenigen Orte auf der Nordhalbkugel, wo es noch borealen Nadelwald gibt, der in der letzten Eiszeit Landmassen von hier über Russland bis nach Alas-ka bedeckte. In den Sagen ist von etwas die Rede, das seit damals in diesem Wald existiert.“
Hier liegt die Burgruine Gair und in ihrem Hof steht eine uralte Eiche. Dieser Baum hat für Saskia Tilbury-Martin eine besondere Bedeutung. Aber ihr ambitionierter Plan für den Erhaltungsbau des Schlosses stoßen bei den Dorfbewohnern auf keine Gegenliebe. Als verrückt und verzweifelt wird sie bezeichnet. In Owen Elliot findet sie einen Bauleiter, denn er braucht Geld. Allerdings hält er nicht viel von der jungen Frau aus reicher Familie.
Vorurteile können den Blick auf die Tatsachen vernebeln. Das wird im Zusammentreffen von Saskia und Owen immer wieder deutlich. Die Diskrepanz zwischen der arbeitenden Bevölkerung und der gutsituierten Oberschicht ist ein Thema, das bei Gosling immer wieder anklingt.
Die schwere Last der Vergangenheit
Ebenso ein Thema: Wer sehr uns Erlebnisse aus Kindheit und Jugend prägen. Saskia hat den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen, die sich kaum um ihre Tochter gekümmert hat – dafür um so mehr um ihre gesellschaftliche Stellung.
„Etwas Neues sollte entstehen, ein Gegenentwurf zu Saskias bruchstückhafter Vergangenheit. Seit langer Zeit war Gair für Saskia zum Sinnbild für den Wiederaufbau ihres eigenen Lebens geworden.”
Aber ein Leben ohne Familie ist einsam. Das wird Saskia im Laufe des Buches immer deutlicher.
Erhalt der Natur
Die Beschreibungen des Waldes und der Natur sind ein wichtiger Part, aber bestimmt wird die Handlung von der Auseinandersetzung zwischen Saskia und Owen und den Schwierigkeiten des Projektes. Der Erhalt und der sorgsame Umgang mit der Natur spielen in Goslings Büchern stets eine Rolle. Hier ist es nicht nur der Wald, auch die alte Eiche, die nicht gefällt werden darf, „weil eine Vielzahl an Lebewesen darin wohnte …. Weil diese Eiche ein Mikrokosmos war, von dem man alles lernen konnte, was für die gesamte Welt wichtig war: friedliches Miteinander, Gemeinschaft, Akzeptanz“.
Faszinierend ist es, dass Sharon Gosling in jedem Buch einen anderen Ansatz für das Thema Natur findet, eine andere Geschichte findet. So kann jedes Buch für sich gelesen werden – auch wenn in diesem auf „Forgotten Garden“ und das Collaton-Projekt angespielt wird.
Fazit
Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag und dessen Geschichte gegen Ende noch etliche überraschende Wendungen bereit hält.
„Der vergessene Wald”, Sharon Gosling (Autorin), Sybille Schmidt (Übersetzerin)
352 Seiten, 18 Euro, DuMont Buchverlag, VÖ 1. Juni 2026
