
Eine Familie, die zusammenhält. Aber in der auch viel Ungesagtes zwischen den Personen steht. Alte Konflikte belasten ihre Beziehungen. Menschen und Leben an der ostfriesischen Küste werden sehr authentisch dargestellt. Und die Krabbenfischerei detailliert beschrieben. Ein Buch mit vielen Aspekten, das mir (mit kleinen Abzügen) sehr gut gefallen hat.
Verlagsinfo
Runa Hansen lebt mit ihrem 17-jährigen Sohn auf einem Hausboot mitten in Hamburg. Sie ist beruflich erfolgreich und vor allem unabhängig. Doch dann verunglückt Runas Bruder auf seinem Krabbenkutter – und nichts ist mehr wie zuvor. Der Familienbetrieb an der Nordseeküste steht vor dem Aus. Alte Konflikte brechen auf. Runa steht vor der Wahl: Karriere oder Herkunft, Verstand oder Herz? Tief in ihr wächst die Sehnsucht nach Versöhnung und Neuanfang, nach Heimat. Ist sie bereit, sich der Vergangenheit und den Herausforderungen der Krabbenfischerei zu stellen, um ihre Familie zu retten und ihr Glück zu finden?
Ungewisse Zukunft
Krabben werden in Ostfriesland Granat genannt. Und eigentlich sind sie keine Krabben, sondern kleine Garnelen. Egal, welchen Namen man verwendet: die kleinen Köstlichkeiten sind selten geworden, die Situation für die Fischer ist schwierig.
Für die Familie Hansen ist sie besonders ungewiss. Denn Hauke, der Erbe des Familienbetriebes ist verunglückt. Die große Schwester Runa reist aus Hamburg an – und möchte auch wieder zurück in die Hansestadt. Warum, dieser Grund wird nur angedeutet, immer wieder. Erst ganz am Ende erfahren Leserinnen und Leser die Auflösung.
Die Mutter der vier Hansen-Kinder ist früh gestorben. Ihr Tod belastet die Familie noch immer. Der wortkarge Vater war und ist ihnen keine Hilfe.
„Selten sprach Hauke seine Kinder mit Namen an. Wenn er sie früher, als sie noch Kinder waren, mit Namen rief, war das ein eindeutiges Zeichen für eine drohende Standpauke. Mit der Ansprache als »Tochter« oder »Sohn« drücke er seinen Respekt ihnen gegenüber aus, hatte er Runa vor vielen Jahren erklärt, nachdem sie ihn darauf angesprochen hatte. Runa glaubte allerdings, dass er damit auch die Familienhierarchie betonte. Denn Runa nannte er Tochter, Milla Töchterchen, und Peer und Torge waren Sohn und Sohnemann.“
Typisch Ostfriesland
Donaskoog, den Ort, an dem die Familie wohnt, gibt es nicht. Aber die Gemeinde Krummhörn, in der er angesiedelt ist. Die Landschaftsbeschreibungen geben einen guten Eindruck von der Region, die Beschreibung eines Unwetters ist atmosphärisch dicht – und genau so, wie sie hier zu erleben sind, mit Schilfrohren, die sich „in anmutiger Qual bogen“. Typisch friesische Namen wie Ubbo fehlen nicht, genauso wenig wie eine detaillierte Beschreibung der ostfriesischen Teezeremonie:
„Hauke zündete die Kerze für das Stövchen mit einem Streichholz an. So wollte es der Aberglaube: Wenn man sie mit einem Feuerzeug entzündete, starb ein Seemann. Er legte ein Kluntje in seine Tasse, goss Tee darüber. Die Sahne tröpfelte er gegen den Uhrzeigersinn hinein.“
Fazit
Vier oder fünf Sterne? Fünf Sterne stehen für großartig oder sehr gut. Oder für Bücher, die mich persönlich in ihren Bann gezogen haben. Runas ungelöster Konflikt wirkt konstruiert und die vielen Wiederholungen zu diesem Thema haben mich ein wenig gestört. Aus diesem Grund tendierte ich zu vier Sternen. Allerdings: Die Geschichte insgesamt ist klasse. Land und Leute und die Krabbenfischerei werden großartig beschrieben. Wer einen Eindruck von Ostfriesland gewinnen möchte, der bekommt ihn in diesem Buch.
„Die Krabbenfischerin. Das Erbe der Küste“, Danela Pietrek
400 Seiten, 13 Euro, dtv, VÖ 16. April 2026
