Die Frauen von Helgoland. Die Nordsee-Dilogie, 1

Helgoland fasziniert. Durch seine Lage und durch seine Geschichte. Welche Auswirkungen die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg, die anschließende Evakuierung der Bewohner auf die Menschen hatte und wie Traumatisierung über Generationen wirkt, sind Gegenstand dieses fesselnden Romans.
Verlagsinfo
Für die 38-jährige Doro ist mit ihrem Job in einem Offshore-Windpark ein Traum in Erfüllung gegangen – bis sie während eines Sturms von einem Windrad evakuiert werden muss. Doro erleidet eine Panikattacke, die sie auch am nächsten Tag noch fest in ihren Klauen hält: Von Helgoland möchte sie eigentlich nur aufs Festland übersetzen, nach Hause zu ihrer Großmutter Elsie. Doch sobald sie sich der Uferkante nähert, wird sie von Schwindel und einem heftigen Zittern erfasst. Ist es das, wovor Elsie sie immer wieder gewarnt hatte? Aber woher rührt diese unerklärliche Angst? In ihrem Selbstverständnis erschüttert, beginnt die pragmatische Doro endlich all die Fragen zu stellen, die in ihrer Familie nie ausgesprochen werden durften.
Vier Generationen von Frauen und eine tragische Familiengeschichte, die bis heute nachwirkt. In Tagebucheinträgen von Elsies Mutter offenbart sich Doro das Schicksal ihrer Familie, die 1945 von Helgoland fliehen musste. Geheimnisse und Schweigen lenken seitdem die Geschicke der Frauen, bis Doro den Mut fasst, sich der Vergangenheit zu stellen.
Der Windpark
Doro ist tough und eine versierte Technikerin. Eine spröde Frau, die in ihrer Arbeit aufgeht. Die detaillierten Beschreibungen ihrer Arbeit auf dem Windrad sind faszinierend, und ein Thema, über das selten in Romanen zu lesen ist. Allein dieser Teil verdient ein großes Plus. So sind dafür intensive Erkundigen notwendig, allerdings ist eine Vorort-Recherche aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Daher musste sich Tesche Wulff auf Berichte einer Insiderin stützten. Ihre daraus resultierenden Beschreibungen sind sehr lebendig und anschaulich gelungen.
Zwei Zeitebenen
Plötzliche Panik-Attacken bringen Doro buchstäblich aus dem Gleichgewicht. Sie kann kein Schiff mehr betreten, geschweige denn ein Windrad. Sie fragt ihre Großmutter um Rat. Doch diese mauert stets, wenn es um die Vergangenheit geht.
Die Leserinnen und Leser wissen mehr als Doro. Elsie stammt von der Insel Helgoland. Doch ein schreckliches Erlebnis in ihrer Kindheit hat sie so sehr traumatisiert, dass sie die Erinnerung daran verdrängt.
„Ich habe mir verboten, daran zu denken, immer wieder, um zu überleben. Ich konnte mit niemandem darüber sprechen, ich hatte einfach keine Worte dafür.“
Das Schweigen setzt sich fort. Doros Mutter verliert nicht viele Worte. Und Doro selbst ist auch ein spröder und schweigsamer Typ.
Elsie gehört zu jenen Bewohnern Helgolands, die während der Zweiten Weltkriegs im engen Felsenbunker ausharren mussten. Diese Beschreibungen gehen unter die Haut. Die Kriegssituation auf der Insel und die spätere mühsame Wieder-Bewohnbarmachung sind ein Kapitel, dass wahrscheinlich vielen Schleswig-Holsteinern und Niedersachsen weitgehend unbekannt ist. Dabei wurden nach der Evakuierung des roten Felsens zahlreiche Bewohner in diesen beiden Bundesländern untergebracht.
Aus diesem Grund allein ist das Buch eine Empfehlung wert.
Das Ende lässt einige Fragen offen. Aber es handelt sich ja um eine Dilogie – im zweiten Teil begeben sich Doro und Elsie auf eine neue Spurensuche.
Autorin
Viel ist über die Autorin nicht im Netz zu erfahren. Der Verlag erklärt: Thesche Wulff ist das Pseudonym der Autorin Rebekka Wulff, die schon mehrere Kriminalromane veröffentlicht und Drehbücher geschrieben hat. Wulff wurde 1962 in West-Berlin geboren. Ab 1980 veröffentlichte sie in Litaraturzeitschriften, Anthologien, Jahrbüchern und im Rundfunk, berät angehende Autoren. Von 1999 bis 2010 war sie Leiterin der Flensburger Zeitzeugen-Schreibwerkstatt.
Sie lebt mit ihrem Mann dort, wo das Meer so manche Geschichte an den Strand spült.
Cover und Titel
Helgoland ist nicht abgebildet. Aber das ist nicht notwendig, schließlich weist der Unterttitel auf die Insel als Handlungsort. Ich empfinde das Cover als sehr wohltuend, ebenso wie den Titel.
Wikipedia sagt: Windflüchter sind Bäume und Sträucher, deren Wuchsform durch vorwiegend aus einer Himmelsrichtung wehenden Wind bestimmt wird. In Ostfriesland werden Windflüchter auf Plattdeutsch als Windlooper, also „Windläufer“, bezeichnet. Windflüchter mit besonders ausgeprägtem Fahnenwuchs werden mancherorts „Windharfen“ genannt, denn ihre Form erinnert entfernt an eine geneigte Harfe. Insbesondere im Winter, wenn Laubbäume kahle Äste haben, können diese dann wie Saiten einer Aeolsharfe aussehen.
Ein eigenwilliger, aber passender Titel, denn die Frauen flüchten – nicht vor dem Wind, aber vor der Wahrheit. Sie beugen sich, stellen sich ihrer Geschichte nicht.
Fazit
Ein Buch, das Zeit braucht, aber fesselt. Es ist kein Wohlfühlroman, zu erschütternd sind die Vorkommnisse, sowohl die historischen als auch jene in der Gegenwart. Thematisiert werden die Weitergabe von Traumata über Generationen, die Geschichte Helgolands und die Arbeit im Off-Shore-Windpark. Themen, über die selten etwas zu lesen ist. Darum: klare Leseempfehlung und fünf Sterne. Und eine klasse Lektüre während eines Helgoland-Aufenthalts!
„Windflüchterin“, Thesche Wulff
352 Seiten, 12.99 Euro, Droemer TB, VÖ 1. April 2025
